
»Erstklassige Unterhaltung und Spannung wie wir sie nur von Jo Nesbø kennen. « NRK
Minnesota, 2016: Ermittler Bob Oz ist seit dem Unfalltod seiner dreijährigen Tochter nicht mehr er selbst. Seine Frau verlässt ihn, Freunde ziehen sich zurück. Allein die knallharte Ermittlerarbeit lässt ihn seine Dämonen für einige Stunden vergessen: Oz jagt einen Mörder, der einen Rachefeldzug gegen Drogenbosse und Waffenhändler in Minneapolis führt. Und immer ist der ihm einen Schritt voraus, trickst Kameras aus, hinterlässt irreführende Spuren. Erst als bekannt wird, dass er einen Anschlag auf den Bürgermeister plant, kann Oz ihm eine Falle stellen. Doch wer stellt hier wem eine Falle?
»Ein absolut atemberaubender Fall vor einem mehr als realistischen Hintergrund. Und doch ist Minnesota von der ersten bis zur letzten Zeile vor allem eins: große Unterhaltung! « Dagsavisen
Besprechung vom 02.02.2026
Waffen für Freiheit?
Jo Nesbø nimmt die Gegenwart vorweg
Als der katholische Priester und Kriminalschriftsteller Ronald Knox 1929 seine "Zehn Regeln für einen fairen Kriminalroman" vorstellte, fühlten sich gerade die größten Namen seiner Zeit, von Agatha Christie bis Gilbert Keith Chesterton, davon angespornt, diese zehn Gebote zu dehnen und zu brechen. Jo Nesbøs neuer Ermittler ist also in guter Gesellschaft. In "Minnesota" sucht diesmal nämlich nicht der alkoholkranke Hauptkommissar Harry Hole nach Spuren von Verbrechern, den Nesbø seit 1997 bereits dreizehn Mal ermitteln ließ. Der norwegische Bestsellerautor schickt an seiner Stelle Holger Rudi, einen norwegischen Krimiautor, nach Minnesota, um dort Fakten für eine True-Crime-Geschichte zu sammeln.
Das ist die Rahmenhandlung, angesetzt im Jahr 2022, als Donald Trump gerade seinen Wahlkampf für die zweite Präsidentschaft führt. Das Verbrechen, über das der Autor etwas herausfinden will, liegt sechs Jahre zurück - und er nutzt dazu eine ungewöhnliche Methode, die gegen Knox' strenge Krimi-Regeln verstößt. "Eines der Gebote lautet, dass der Mörder früh eingeführt werden muss, dass wir aber nicht erfahren dürfen, was er denkt", erklärt Rudi einem Interviewpartner. Statt sich diesem Gebot zu unterwerfen, lasse er aber lieber "den Leser den Gedanken des Mörders folgen, so, wie ich sie mir vorstelle."
Nach kurzer Taxifahrt durch die Stadt und Rudis Reflexionen über das Werk der norwegischen Einwanderer, die diesen Ort miterbaut haben - "Nicht im Traum hätten sie sich damals eine Stadt mit einer Skyline vorgestellt, geschweige denn sich in den Himmel reckende Sozialbauten, in denen Menschen zusammengepfercht waren, die nichts anderes taten, als kleine Fluchten aus dem Alltag zu verkaufen, sich gegenseitig ein Grab zu schaufeln und ihren Frust und ihren Hass in erster Linie auf diejenigen zu richten, denen es ebenso dreckig ging wie ihnen selbst" -, wechselt im zweiten Kapitel die Perspektive.
Der Ich-Erzähler ist nun der Mörder, von Rudi imaginiert. Er schaut aus dem obersten Stock eines Sozialwohnungsbaus durch das Zielfernrohr eines Jagdgewehrs auf den Mann, der ihm die Waffe verkauft hat. Er will ihn töten, weil dieser Mann auch die Gangs im Viertel mit Pistolen, Gewehren und Granaten beliefert. Aber das ist nur einer der Gründe für seine Tat. Das eigentliche Motiv für die Blutspur, die der Mörder in den nächsten Tagen durch die Stadt zieht, entfaltet sich erst nach und nach - so weit hält sich Nesbø dann doch an die Erzählkonventionen.
Und da Kriminalermittlungen im Roman charmanter sind, wenn tatsächlich ermittelt wird, schickt er im Jahr 2016 zudem noch den alten, wütenden Polizeidetektiv Bob Oz in seinem senfgelben Mantel hinter dem Mörder her. Emotional ist Oz ein Wrack, die Trennung von seiner Frau ertränkt er im Alkohol, aber sein Hirn kann noch immer besser als das seiner nüchternen Kollegen Fakten filtern und verbinden.
Neben zahlreichen Figuren, deren charakterliche Tiefe Nesbø mit leichter Hand ausleuchtet, zeichnet der Norweger hier vor allem das Bild eines Amerikas, in dem Trump ein zweites Mal gewählt werden konnte. Waffengewalt ist ein Dauerthema. Wir begegnen einem traumatisierten Vater, dessen kleine Tochter sich beim Spielen mit einer scharfen Waffe tödlich verletzt hat. Wir erfahren von einer leitenden schwarzen Polizeibeamtin, dass sie es nur aus der Armut und den schwierigen sozialen Verhältnissen ihrer Familie bis hierher geschafft hat, weil ihre Mutter sich irgendwann eine Pistole zulegte ("the Great Equalizer"), um sich und ihre Töchter gegen den gewalttätigen Vater verteidigen zu können. Wir treffen einen Mann, der Frau und Kind durch die Schießerei jugendlicher Gangster in einem Diner verloren hat.
Nesbø stellt Fragen wie: "Ist es wirklich Freiheit, eine Waffe zu besitzen, die dafür gemacht wurde, andere Menschen zu töten, nur weil der Nachbar vielleicht auch eine hat?" Vor dem Hintergrund der anhaltenden Proteste in Minneapolis, nachdem ICE-Beamte im Januar 2026 dort zwei Zivilisten erschossen haben, wirkt der Roman erschreckend aktuell. MARIA WIESNER
Jo Nesbø: "Minnesota". Kriminalroman.
Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob. Ullstein Verlag, Berlin 2026. 416., geb.
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