Ermöglicht einen erhellenden Blick zurück (wenn es um die eigene Kindheit und dessen Auswirkungen geht), aber auch einen nach vorne ...
Inzwischen mache ich meist einen großen Bogen um die sogenannte Ratgeber-Literatur, denn gut gemeint ist oft nur schlecht gemacht. Und wie bei fast allen Dingen des Lebens hilft Lesen nur bedingt, üben umso mehr. Warum ich hier dennoch zugegriffen habe, lag weniger an dem Aufkleber "SPIEGEL Bestseller" als an dem Titel des Buches. Mit Kind, Kindheit sind ja meist tiefgreifende emotionale Dinge verknüpft, die das Leben tiefgreifend bestimmen. Und wer hätte nicht schon einmal davon gehört, dass diese Prägungen, die sich in Form von Glaubenssätzen und Schemata niedergeschlagen haben, nur sehr schwierig "umzubiegen" sind, man sie allenfalls übend (!) "überschreiben" kann. Hier verspricht das Buch entsprechende Unterstützung. Auch wenn dieser Ratgeber einige sicher gut durchdachte Übungen bereithält, so ist Papier bekanntlich sehr geduldig und die Hürde hier mitzumachen entsprechend groß. Zumal es schon ein wenig gewöhnungsbedürftig ist, sich auf eine ungewohnte Ebene zu begeben, um sein Schatten- oder Sonnenkind entsprechend kindlich (aus der Erwachsenenperspektive) anzusprechen: "Oje, du armer Schatz, du strengst dich immer so doll an, alles richtig und gut zu machen. Dabei kannst du bald gar nicht mehr." Man muss nicht unbedingt auf die Ebene der Babysprache zu wechseln, um mit seinen verschiedenen "Ichen" in Kontakt zu kommen. Dennoch können die Metaphern vom Schatten- und Sonnenkind als gelungen betrachtet werden, da mit ihnen sehr stimmig die verschiedenen psychischen Grundbedürfnisse und deren Verletzungen (inklusive der Auswirkungen) erklärt werden können. Und das ist der Autorin herausragend gelungen. Hier hat das Buch seine Stärken.Das Buch schwächelt etwas, wenn es um zum Teil unreflektierte Behauptungen geht bzw. sich in Allgemeinplätzen, wie etwa in den folgenden, verliert: "Nimm dein Schattenkind auf den Schoß und sage ihm, dass es okay ist, wenn man Fehler macht. Fehler sind unsere besten Lehrmeister. Wir entwickeln uns schließlich auch nur weiter, wenn wir einen gewissen Leidensdruck haben. Solange es gut läuft, gibt es einen Grund, über sich nachzudenken und etwas zu verändern." Das ist, gelinde gesagt: Nonsens. So allgemein formuliert torpediert es die Gefühle zum Beispiel all jener Menschen, die (unbeabsichtigt!) gravierende Fehler gemacht und damit großes Leid verursacht haben. In diesem Fall fühlt mach sich einfach "sauschlecht", leidet, vergeht vor Scham und was sonst noch alles für Gefühle "aufploppen". Solche Fehler wirken nach - und zwar nachhaltig negativ. Ich persönlich habe mich noch nie unter Leidensdruck weiterentwickelt. Angst ist ein schlechter Lehrmeister ... Wenn ich hingegen für etwas brennt, geht es fast wie von selbst. Und gerade in diesen Situationen (wie zum Beispiel mit denen auch in diesem Buch erwähnten Flow-Erfahrungen) fällt einem das Herumexperimentieren mit seinen Möglichkeiten besonders leicht, das Verändern ist sozusagen ein Selbstläufer geworden. Es muss ja nicht unbedingt bewusst ablaufen ...Dennoch bietet dieses Buch eine gute Möglichkeit für einen Blick zurück (wenn es um die eigene Kindheit und dessen Auswirkungen geht), aber auch für einen Blick nach vorne, wenn es um die eigenen Kinder geht, und darum, bestimmte Fehler nicht zu wiederholen. Selbstverständlich bietet es auch eine gute Grundlage für erste (übende) Schritte, um seine als negativ empfundenen Handlungsmuster zu verändern. (24.10.2017)