Normalerweise vergebe ich fünf Sterne nur an absolute Herzensbücher, an Geschichten, zu denen ich immer wieder zurückkehren möchte. Und doch bekommt auch diese Autobiografie von Anthony Hopkins von mir ganz klar fünf Sterne - weil sie literarisch, menschlich und stilistisch so aufrichtig, reflektiert und berührend ist, dass ich daran schlicht nichts auszusetzen weiß.Hier schreibt ein Mann, der zurückblickt auf seine Kindheit, seine Fehler, seine Abgründe, seine Erfolge, seine Verluste. Ohne Pathos, Selbstbeweihräucherung oder falsche Dramatik, dafür mit erstaunlicher Klarheit, Ehrlichkeit und oft auch mit trockenem Humor.Besonders getroffen hat mich die Schilderung seiner Kindheit. Wie ihm von Lehrern immer wieder vermittelt wurde, er sei nichts, könne nichts, werde es zu nichts bringen, wie er geohrfeigt, gedemütigt, klein gemacht wurde. "Je mehr Ohrfeigen ich bekam, umso häufiger griff ich auf einen Kniff zurück, der mir schließlich mein Überleben sicherte: Ich setzte eine Miene auf, aus der reine Dummdreistigkeit sprach. Dieser Blick war Ausdruck meiner Gleichgültigkeit gegenüber allem, was ich in meiner Umgebung als feindlich empfand. Zeig bloß keine Reaktion. Starr den Feind nieder. Tu so, als würde er gar nicht existieren. [...] Zeig keinen Schmerz! Vergrab den Schmerz, kehr ihn unter den Teppich, mach weiter.""Ungeschickt. Unbeholfen. Unzureichend. Untüchtig, Untauglich. Ungeeignet. Meine Lehrer hatten meinem Problem einen Namen gegeben, es mir in den Schädel gekerbt wie ein Kainsmal [...]."Die Fotos von ihm als kleinem Jungen haben mir regelrecht das Herz gebrochen. Als Mutter fragt man sich unwillkürlich: 'Wie kann man so mit einem Kind umgehen?' Kein Wunder, dass er früh einen harten, beinahe verbitterten Blick auf die Welt entwickelte, sich dieses "Reiß dich zusammen, zeig keine Schwäche, kämpf dich durch"-Denken aneignete. Dieses Buch macht sehr verständlich, woher diese innere Rüstung stammt.Speziell eine traurige Mutter-Kind-Szene hat sich ganz besonders in sein (und mein!) Gedächtnis eingebrannt:""Was würdest du tun, wenn ich davonlaufen würde und du mich nie wieder sehen würdest?" [...] warum stellte sie mir so eine Frage? Wenn sie davonlaufen würde, wäre ich dann schuld? Ich fühlte mich wie ein Hund oder eine Katze, die nicht weiß, ob ihre Besitzerin je wieder zurückkehrt, wenn sie fortgeht. Die Worte meiner Mutter fielen in meine blecherne Hirnschale und blieben dort sicher weggeschlossen wie das Ersparte eines ganzen Lebens. [...] Wollte sie tatsächlich davonlaufen, würde sie einfach verschwinden und ich sie nie wieder sehen?"Um Himmels Willen! Was war ich erschüttert. ... und vollkommen fassungslos. Wie kann man denn einem kleinen Kind solch ein traumatisches Szenario ausmalen??! Der arme Junge ... Die Zeitsprünge zwischen den Jahren sind so fließend, inhaltlich harmonisch und passend gesetzt worden, dass sich alles wie aus einem Guss liest. Hopkins erzählt schonungslos von seinen Beziehungen, von gescheiterten Ehen, die mitunter auch zum schmerzhaften Bruch mit seiner Tochter führten, von seiner Flucht aus Situationen, die er selbst kaum ertragen konnte, und von der tiefen Reue, die bis heute geblieben ist. Gerade diese Passagen sind tough zu lesen, aber sie wirken nie voyeuristisch. Der Ton ist zwar nüchtern, fast sachlich gehalten, gleichzeitig aber so eindringlich, dass man fast vergisst, dass es sich um eine Autobiografie handelt - alles liest sich wie ein Roman. ... und mit dem Wissen, dass jedes Wort wahr ist, wirkte es doppelt intensiv auf mich.Ein zentrales Thema ist auch Hopkins' Alkoholismus. Wie er trank, um zu funktionieren ... und fast daran zerbrach. Dann: der Moment kam, in dem er begriff: 'Ich bin Alkoholiker, und ich brauche Hilfe.' Diese Stellen sind von einer ruhigen Würde geprägt, ohne Selbstmitleid, ohne moralischen Zeigefinger. Man spürt: Er ist durch die Hölle gegangen und heute dankbar, noch hier zu sein.Natürlich nimmt auch seine Karriere viel Raum ein, vor allem seine ikonische Rolle als Hannibal Lecter. Die Entstehung von "Das Schweigen der Lämmer" zu lesen, war faszinierend, seine Gedanken zur Stille, zur Präsenz, zur Angst ... zur "Spinne in der Bäckerei seines Vaters" - man versteht danach nicht nur die Figur besser, sondern auch, wie tief Hopkins über Schauspiel nachdenkt.Was mich aber vielleicht am meisten berührt hat, ist der Wandel, der Reifeprozess, den er im Laufe seines Lebens durchlebt. Hopkins wirkt heute wie ein Mann, der sich nicht mehr beweisen muss. Der gelernt hat, mit seinen Brüchen zu leben. Er weiß, dass Erfolg, Preise und Ruhm nichts sind im Vergleich zu echter menschlicher Nähe. Seine Beziehung zu seiner heutigen Frau Stella, die späte Familie, die er gefunden hat, seine Dankbarkeit für das Leben, all das wird mit einer sanften, fast demütigen Haltung beschrieben.Dazu kommen die vielen Gedichte, Musikempfehlungen und literarischen Zitate, die das Buch durchziehen. Kunst war für ihn nie bloß Karriere, sondern immer auch Rettung, Trost, Orientierung, Hoffnung. Diese Autobiografie ist kein glamouröser Blick hinter die Kulissen Hollywoods, kein Selbstbeweihräucherungsprojekt, sondern vielmehr das Porträt eines Menschen, der lange vor dem Leben davongelaufen ist, und im Alter langsam lernt, ihm nicht mehr auszuweichen. ¿¿¿¿¿: Ein kluges, rundum lesenswertes, ehrliches, teils melancholisches, zutiefst menschliches Buch über Einsamkeit, Angst, emotionale Verdrängung, zwischenmenschliche Beziehungen, Kunst, Verlust und die Suche nach Sinn. Klare Empfehlung!