Viel Hype, wenig Substanz
Mit The Inheritance Games hat Jennifer Lynn Barnes einen Jugendroman geschaffen, der auf dem Papier alles mitbringt: ein mysteriöses Erbe, ein exzentrischer Milliardär, ein riesiges Anwesen voller Geheimnisse und mehrere rätselhafte Erben. Der Klappentext verspricht Spannung, Intrigen und kluge Rätsel. Genau deshalb wollte ich dieses Buch unbedingt mögen, leider blieb am Ende vor allem Ernüchterung.Die Grundidee ist durchaus reizvoll. Eine junge Protagonistin erbt plötzlich ein Vermögen und muss sich in einem fremden, luxuriösen Umfeld behaupten. Statt echter Spannung entwickelte sich die Handlung für mich jedoch schleppend. Immer wieder reiht sich ein Rätsel an das nächste. Kaum scheint eines gelöst, folgt schon das nächste Konstrukt. Dazwischen werden Andeutungen gestreut, dass irgendjemand selbst ein großes Geheimnis verbirgt. Dann wieder ein Rätsel. Und noch eins ... und noch eins. Dieses Schema wirkte auf Dauer sehr repetitiv. Es entstand das Gefühl, eine Checkliste abzuarbeiten: Rätsel einbauen, romantische Spannung andeuten, mysteriöse Blicke austauschen, nächstes Rätsel platzieren. Dadurch wirkte vieles konstruiert statt organisch.Auch die Protagonistin konnte mich nicht wirklich überzeugen. Einerseits wird sie als außergewöhnlich klug dargestellt und durchschaut komplizierte Hinweise in kürzester Zeit. Andererseits wirkt sie in anderen Momenten erstaunlich naiv, obwohl die jeweilige Lösung deutlich offensichtlicher erscheint. Diese Inkonsistenz machte sie für mich wenig glaubwürdig. Sie sollte eine Art Sherlock-Holmes-Figur sein, blieb für mich jedoch eher eine sehr junge Erzählerin, die je nach Plotanforderung besonders brillant oder eben unsicher agiert. Ebenfalls die vier männlichen Charaktere wirkten eher wie eine Ansammlung von Eigenschaften als wie lebendige Figuren. Jeder erfüllt eine bestimmte Rolle. Der Verschlossene. Der Charmante. Der Gefährliche. Der Nachdenkliche. Gleichzeitig waren sich ihre Namen so ähnlich, dass ich bis zum Schluss nicht immer eindeutig wusste, wer gerade im Fokus der Handlung steht. Statt geheimnisvoll zu wirken, entstand dadurch eher Verwirrung.Atmosphäre kam für mich kaum auf. Das große Anwesen hätte eine düstere, geheimnisvolle Kulisse bieten können. Stattdessen blieb es erstaunlich blass. Auch das zentrale Rätsel um den Großvater war früh recht durchschaubar. Dadurch fehlte der Sog, der einen durch die Seiten trägt. Auch das Ende verstärkte diesen Eindruck. Der Cliffhanger wirkte konstruiert und eher nach Schema F eingesetzt, um unbedingt zum Weiterlesen zu animieren. Bei mir hatte er den gegenteiligen Effekt. Statt Neugier entstand eher das Gefühl, dass hier bewusst Spannung erzeugt werden sollte, ohne dass sie sich natürlich entwickelt hat.Das bedeutet nicht, dass das Buch grundsätzlich schlecht ist. Als leichte Unterhaltungslektüre kann es durchaus funktionieren. Gerade für Leserinnen und Leser, die noch nicht viele Jugendthriller oder Rätselgeschichten gelesen haben, mag die Geschichte spannend wirken. Für mich blieb sie jedoch zu repetitiv, zu konstruiert und zu wenig atmosphärisch.Fazit:The Inheritance Games konnte den Hype für mich nicht erfüllen. Eine interessante Grundidee trifft auf blasse Figuren, wenig Spannung und viele wiederholende Rätselstrukturen. Solide Unterhaltung, aber schnell vergessen. Daher vergebe ich drei Sterne und werde die Reihe voraussichtlich nicht weiterverfolgen.