cleveres Rätsel- und Mystery-Abenteuer, gigantischer Escape Room voller Überraschungen
Ich hätte nicht gedacht, dass sich der erste Band der "The Inheritance Games" Reihe von Jennifer Lynn Barnes so schnell weglesen lässt, aber genau das war der Fall. Der gradlinige Schreibstil ist sehr zugänglich, fast schon unauffällig, und gerade dadurch entsteht eine Sogwirkung, die einen einfach immer weiter durch die Seiten trägt. Kommen wir aber zuerst einmal zum Inhalt: Avery Grambs hat einen Plan: Highschool überleben, Stipendium abgreifen und dann - nichts wie raus hier. Doch all das ist Geschichte, als der Multimilliardär Tobias Hawthorne stirbt und Avery fast sein gesamtes Vermögen hinterlässt. Der Haken daran? Avery hat keine Ahnung, wer der Mann war. Um ihr Erbe anzutreten, muss Avery in das gigantische Hawthorne House einziehen, wo jeder Raum von der Liebe des alten Mannes zu Rätseln und Geheimnissen zeugt. Ungünstigerweise beherbergt es aber auch dessen gerade frisch enterbte Familie. Allen voran die vier Hawthorne-Enkelsöhne: faszinierend, attraktiv und gefährlich. Gefangen in dieser schillernden Welt aus Reichtum und Privilegien, muss Avery sich auf ein Spiel aus Intrige und Kalkül einlassen, wenn sie überleben will.Dank der kurzen Kapitel und der vielen kleinen Cliffhanger rutscht man förmlich von einem Kapitel ins nächste und aus "nur noch eins" werden ganz schnell fünf. Die Geschichte wird aus Averys Ich-Perspektive erzählt, was gut funktioniert und einem das Gefühl gibt, direkt bei den Ereignissen dabei zu sein.Avery ist tatsächlich jemand, dem man gerne durch die Geschichte folgt. Sie wirkt bodenständig, reflektiert und reagiert überraschend realistisch auf die völlig absurde Situation, in der sie plötzlich steckt. Endlich ist da mal kein Glamour-Girl, das sich direkt im Luxus verliert, sondern jemand, der den plötzlichen Reichtum erstmal kritisch und nüchtern hinterfragt. Dank ihrer psychologischen Ausbildung gelingt es der Autorin, Avery als eine clevere und aufmerksame Beobachterin darzustellen, die die Menschen um sich herum gut einschätzt. Die Hawthorne-Enkel sind dahingegen etwas komplexer, jeder von ihnen ist zwar intelligent und charismatisch, gleichzeitig aber auch von inneren Wunden geprägt, denn die Vergangenheit hat ihre Spuren hinterlassen... Ihre Erfahrungen, Ängste und alten Narben formen, wie sie denken, fühlen und handeln - und warum sie manche Dinge für sich behalten. Das lässt einen ständig überlegen: Wer spielt hier eigentlich mit wem, und was steckt wirklich dahinter? Was ich besonders mochte, ist, dass kein Charakter einfach "gut" oder "böse" ist. Jede Person trägt eigene Ängste, Geheimnisse und widersprüchliche Motivationen mit sich, und genau das macht sie so lebendig. Man spürt, dass hinter jedem Verhalten eine Geschichte steckt, die ihre Entscheidungen erklärt, selbst wenn man sie nicht immer gutheißt. Das sorgt dafür, dass man als Leser ständig mitdenkt, spekuliert und die Figuren auch wirklich verstehen möchte.Am Anfang war ich zwar kurz etwas überfordert von den vielen Namen und der verworrenen Familienkonstellation, aber das hat sich schnell gelegt. Im Hawthorne House angekommen, fühlt man sich nämlich wie in einem riesigen Labyrinth, das nur darauf wartet, erforscht zu werden. Dieses Haus ist einfach ein Traum für Bücherliebhaber und Entdecker. Überall gibt es geheime Türen, versteckte Räume und endlose Bibliotheken - man fühlt sich wie in einem gigantischen Escape Room voller Überraschungen.Genau das ist auch die große Stärke des Buches. Die Geschichte lebt von ihren Geheimnissen, den versteckten Hinweisen und den kleinen, unerwarteten Wendungen. Kaum glaubt man, einen Teil des Puzzles entschlüsselt zu haben, wird man schon wieder in eine völlig neue Richtung geworfen. Man fühlt sich, als würde man gemeinsam mit Avery durch das Hawthorne House streifen und hinter jedem Spiegel, jedem Regal und jedem verborgenen Gang ein neues Rätsel entdecken.Trotz seiner Einordnung als Jugendbuch scheut sich die Geschichte aber nicht, auch schwerere Themen wie Verlust, Vertrauen und familiäre Erwartungen anzusprechen. Die romantischen Momente sind eher dezent und wirken lediglich wie die kleinen Würzstreusel des Ganzen.Schon vorweg: Der erste Teil löst bei weitem nicht alles auf. Wenn man wirklich wissen will, was hinter allem steckt, führt kein Weg an den Folgebänden vorbei. Meiner Meinung nach somit ein cleveres Rätsel- und Mystery-Abenteuer, aber keinesfalls ein Thriller. Dieser durchgehende Nervenkitzel, den man bei einem guten Thriller erwartet, hat hier einfach gefehlt. Und trotzdem: Einmal eingetaucht, war ich ziemlich gefesselt. Ich wollte ständig weiterlesen, die nächsten Hinweise finden und noch tiefer in das Spiel eintauchen - genau deshalb freue ich mich jetzt schon auf die Fortsetzung.