Ein Buch über Privilegien, kulturelle Aneignung und Moral
Stell dir vor, deine Freundin stirbt in deinem Beisein und du hast nichts Besseres zu tun, als ihr unveröffentlichtes Manuskript zu stehlen und es unter deinem Namen zu veröffentlichen. Damit und mit den Konsequenzen dieser Tat setzt sich Yellowface auseinander.Was dann passiert, ist eine der unangenehmsten und gleichzeitig unterhaltsamsten Leseerfahrungen, die ich seit langem hatte. Kuang zieht die Verlagswelt durch den Dreck, zeigt wie Macht und Herkunft bestimmen wer welche Geschichten erzählen darf, und nebenbei gibt sie die verschiedenen Reaktionen auf Social Media unfassbar gut wieder. Nicht nur den Hype um eine Person, sondern auch den bald darauf folgenden Shitstorm.Juniper ist als Protagonistin ein richtiges Kunststück. Man will sie nicht mögen, weil das, was sie tut, objektiv zum Fremdschämen ist. Trotzdem sitzt man da und versteht ihre Gedankengänge, nickt innerlich manchmal bei ihren Rechtfertigungen mit und bemerkt dann mit leichter Verzögerung die Doppelmoral. Das ist der Moment, wo das Buch aufhört nur unterhaltsam zu sein und anfängt, wirklich unangenehm zu werden.Yellowface liefert keine Antworten und keine Moral am Ende. Stattdessen bekommt man 300 Seiten lang den Spiegel hingehalten und je nachdem was man darin sieht, wird die Lektüre unterschiedlich unangenehm. Was das Buch über Privilegien, kulturelle Aneignung und die blinden Flecken sagt, die man einfach nicht hat, wenn man sie nie haben musste, ist so treffsicher formuliert, dass es wehtut.Ein Buch, das mir wirklich sehr lange im Kopf geblieben ist...