Die Nobelpreisträgerin arbeitet hier ihr besonderes Verhältnis zum Vater auf - in einer Sprache, die unter die Haut geht ...
Erdrückend, da hier eine Herkunft, eine Entwicklung und ein Erstarren geschildert wird, das ergreift und weh tut. Protagonist: der Vater der Autorin. Befreiend, weil es hier jemand schafft, sich aus der familiären und provinziellen Enge zu befreien und ein selbstbestimmtes, erfolgreiches Leben zu führen. Protagonistin: die Autorin selbst.In diesem autobiografischen Werk der Nobelpreisträgerin von 2022 arbeitet die Autorin ihr besonderes Verhältnis zu ihrem Vater auf, nüchtern, distanziert und dennoch in einer Sprache, die unter die Haut geht, besonders bei denjenigen, die in ähnlichen Strukturen aufgewachsen sind. Hier dürften so einige Parallelen sichtbar werden: die Knute der Herkunft, die dadurch initiierte Angepasstheit, das sich unterordnen, die Oberhoheit der Kirche, um nur die wichtigsten zu nennen. Das unter einer solchen Decke kaum ein Entkommen möglich ist, wird in diesem ausgezeichneten Buch von Annie Lennox nicht nur sichtbar, sondern auch spürbar. Der Vater konnte diesen befreienden Weg nicht gehen und hat seine persönliche Enge, mehr oder weniger unbewusst, an seine Tochter weiterzugeben versucht. Sie allerdings fand dann die notwendigen Mittel, um diesen erdrückenden Verhältnissen zu entfliehen. Was dazu nötig war, wie dieser Weg erfolgte, und welche Konsequenzen das schließlich für die Vater-Tochter-Beziehung hatte, wird hier äußerst eindrücklich zur Sprache gebracht.Zugleich erlaubt dieses Buch einen tiefen Einblick in die Denk- und Handlungsweise der sogenannten einfachen Menschen. Selten genug bekommen diese überhaupt eine Stimme. Und wenn diese so machtvoll ist, wie hier, ist eine Annäherung möglich. Denn, sobald man etwas versteht, kann man auch etwas verändern - und aufeinander zugehen, zumindest nicht ignorieren. Einer gesamtgesellschaftlich positiven Entwicklung würde dies sicher guttun. Das Buch bietet hierfür einen ausgezeichneten Einstieg.(15.6.2024)