Mit Nordnacht liefert John Gwynne einen atmosphärisch dichten Auftakt seiner nordisch inspirierten Saga. Die Welt ist rauh, kalt und voller Gefahren - und genau das spürt man auf jeder Seite.Es geht hier nicht zimperlich zu, vielmehr erfüllt der Autor wahrscheinlich viele Leserwünsche, indem er eine Schlacht und einen Kampf hintereinander inszeniert - in seiner typischen Manier, immer gut dargestellt und sehr spannend, aber auch noch einen guten Ticken brutaler, als ich es aus Vorgängerbüchern kannte. Dass es hier eine dunkle, an die Wikinger erinnernde Lebenswelt gibt, deren Götter gestorben sind, muss man also von vornherein mit einrechnen.Besonders überzeugt haben mich dafür wieder die interessanten Charaktere: Sie sind greifbar, glaubwürdig und entwickeln sich, ihre Motive und inneren Konflikte machen die Geschichte lebendig und emotional packend. Diesmal sind es drei Stränge, zwei (im wahrsten Sinne des Wortes) starke Frauen und ein junger Mann, der den Tod seiner Schwester rächen will. Alle drei umgibt von Anfang an ein Geheimnis, zwei der Figuren haben sich verschiedenen Kampfverbänden angeschlossen - und es spricht für den Autor, dass man diese Gruppen eigentlich nicht verwechseln kann, obwohl sie sehr ähnlich sind und in "schnellen Schnitten" hintereinander agieren. Für meinen Geschmack gab es allerdings etwas zu viele Kämpfe und sehr detailliert geschilderte, brutale Auseinandersetzungen. Manchmal wirkte es zu sehr wie eine bloße Abfolge von Schlachten, bei denen ich mir stattdessen mehr Raum für die faszinierende Götterwelt und Mythologie gewünscht hätte. Gerade dieser Hintergrund hätte für mich noch stärker vertieft werden dürfen - so ist er zu sehr Pappkulisse geblieben, man erkennt den Weltenbaum oder einzelne Figuren der Mythenwelt wieder, aber sie wird nicht wirklich vermittelt.Fazit: Die Handlung ist durchgehend spannend und bietet reichlich Action.Gwynne ist bei aller Kritik ein kraftvoller, mitreißender Fantasyroman mit "echten" Figuren und einer intensiven Atmosphäre gelungen - ich freue mich definitiv auf die Fortsetzung, obwohl ich normalerweise kein Fan von allzuviel Brutalität bin. Hier passt es halt zur gewählten Welt.