Beklemmende und aufrüttelnde Lektüre
Es hat mich schwer beeindruckt und auch über weite Strecken regelrecht gegruselt, wie genau Octavia E. Butler viele Entwicklungen vorausgesehen und teilweise nur um wenige Jahre oder (hoffen wir es!) Jahrzehnte "verfehlt" hat - die Folgen des Klimawandels, den politischen Rechtsruck, die massive Rückkehr von Rassismus und Klassismus, den Zerfall und gar die Perversion rechtsstaatlicher Ordnung, das perfide und menschenverachtende Handeln der noch verbleibenden Wirtschaftselite, die Verarmung der Menschen und damit die zunehmende Abschottung noch funktionierender Gemeinschaften zum Schutz vor der rohen Gewalt derer, die gar nichts mehr haben, die Gewalt, die dann schließlich auf der Straße herrscht... Verstörend und sehr intensiv, auch durch die gewählte Form des Tagebuch-Romans aus der Perspektive einer noch sehr jungen Frau.Was bleibt einem in einer solchen Welt? Die Seinen, wer auch immer das ist oder wen auch immer man dazu auserwählt (oder von ihnen gewählt wird), so gut wie möglich zu schützen, auch wenn man dabei selbst Gewalt anwenden muss. Sich einen moralischen Kompass zu bewahren, hier in Form einer neuen Religion, die sich auf die Macht des Menschen fokussiert, den zwangsläufigen Wandel der Welt nicht nur irgendwie zu überleben, sondern mitzugestalten. Hoffnung auf bessere Zeiten? Irgendwo auf einem anderen Planeten? Diesen letzten Gedanken finde ich befremdlich, aber auch genau diese Idee wird ja aktuell verfolgt. Ein Planet B. Insgesamt trotz mancher kleiner Unstimmigkeiten eine beklemmende und zugleich aufrüttelnde Lektüre. Ich habe 5 Sterne vergeben und werde direkt mit dem Folgeband "Die Parabel der Talente" weitermachen.