Für Lekuchenliebhabende ein Traum - für Nürnberger:innen ein Muss!
Cover: Der Titel hat mich sehr neugierig gemacht. Auf dem Cover sehen wir die Hauptprotagonistin und können schon den Christkindlesmarkt erahnen. Als gebürtige Nürnbergerin war ich natürlich seeeeehr gespannt.Schreibstil: Dies ist mein zweiter Roman des Autorenduos Romy Herold und ich bin sehr angetan vom Schreibstil. Nach "Das Marzipanschlösschen" konnten die beiden mich wieder mit ihrem detailverliebten Schreibstil abholen. Wer bereits einen anderen Roman von Romy Herold gelesen hat, wird sich mit dem unverkennbaren Schreibstil sofort wohlfühlen, alle Neulinge können anschließend zum nächsten Roman der beiden greifen. Besonders gelungen ist die Bildhaftigkeit des Romans. Der atmosphärische und bildhafte Schreibstil entführen einen in ein Nürnberg zwischen 1864 und 1868 und lassen durchgehend Kopfkino entstehen. Ich bin wahrhaftig eingetaucht in die Stadt und die Zeit.Geschichte: Der historische Roman begleitet zwei junge Frauen im 19. Jahrhundert in der wunderschönen Stadt Nürnberg. Einerseits erzählt die Geschichte von Familie Lusin. Es beginnt mit der Sage der Elisenlebkuchen und dem Aufstieg vom Lebküchner Wilhelm zu einem Fabrikanten und dem Beginn der Firma Lebkuchen Lusin. Wir begleiten Wilhelm, seine Frau Margarethe und Tochter Elise wie sie von ihrer kleinen Lebküchnerei in ein herrschaftliches Haus ziehen und damit verbunden gesellschaftlichen Aufstieg erleben. Nach einem tragischen Verlust sieht Elise die Aufgabe, das Familienerbe zu erhalten und letztendlich auch vor Betrügern und Heuchlern zu beschützen.Andererseits erfahren wir die Geschichte von Zeidlertochter Agathe Welser, die von Wilhelm Lusin als Elises Zofe zur Familie Lusin geholt wird. Wie auch Elise erfährt Agathe im Laufe des Buches einen gesellschaftlichen Aufstieg, der sich Schritt für Schritt durch die ganze Geschichte zieht.Sowohl Elise als auch Agathe verlieben sich im Laufe der Geschichte Hals über Kopf in Männer, die nicht ihrem Stand entsprechen. Mit der Zeit bildet sich ein hervorragendes Vierergespann, dass sich nicht nur gegen die Gegebenheiten der Zeit sondern auch gegen bösartige Menschen stellt. Dabei haben alle vier immer das Erbe von Lebkuchen Lusin vor Augen und entwickeln die Produkte weiter. Die Geschichte erstreckt sich über 4 Jahre, was die Handlung zwischendurch auch langatmig macht. Erst im letzten Drittel wird es ziemlich spannend, wobei mich die eher dahin plätschernden Ausfahrten in der Mitte des Buches besonders unterhalten haben. Daher sollte man sich beim Lesen auf viele geschichtliche Details, teilweise langatmige Handlung und hoffnungslose Romantik einstellen.Das Buch lehrt einen beim Lesen sehr viel über Nürnberg und seine Geschichte, aber vor allem auch über das Handwerk der Lebküchner. Es tauchen sowohl viele bekannte Nürnberger Orte, wie bspw. das Tucherschloss oder der Christkindlesmarkt auf, als auch berühmte Persönlichkeiten, wie Oetker, Suchard und von Tucher. Aber nicht nur Nürnberg, sondern auch Berlin, Hamburg und die Schweiz werden besucht und deren geschichtlicher Kontext sowie kulinarische Köstlichkeiten beleuchtet. Dabei ist geschichtliches Wissen immer in die Story eingewoben, was sich bspw. in Agathes Wissensdurst oder berühmte Persönlichkeiten wie Oetker oder Suchard zeigt. Als Lesende erleben wir gerade die Zeit, in der sich das Handwerk der Lebküchner stark verändert. Wilhelm durchlebt den Wandel vom alten Handwerk mit Modeln zum Fabrikbetrieb. Elise erfindet später die Lebkuchen neu mit neuen Zutaten wie Marzipan und Schokolade. Ich fand die geschichtlichen Details sehr spannend, aber vielleicht hängt das auch mit meiner Verbundenheit zu Nürnberg zusammen. Sie sind jedoch nicht immer organisch in den Handlungsablauf eingebunden und wirken daher manchmal etwas zu sehr aufgezwungen.Charaktere: Elise und Agathe sind liebenswerte Persönlichkeiten und für die Zeit ungewöhnlich starke Frauen. Ich habe sehr mit ihnen so wie mit ihren Loveinterests sympathisiert und habe das Vierergespann sehr ins Herz geschlossen. Ich habe Elise und Agathes gesellschaftlichen Aufstieg sowie das Wachsen ihrer Freundschaft sehr gerne begleitet. Wilhelm Lusin mochte ich ebenfalls sehr gerne, wobei mir Margarethe oft zu naiv und desinteressiert war. Das hat mit der Zeit nicht mehr mit der Margarethe übereingestimmt, die wir zu Beginn kennenlernen. Aber auch in ihr steckt eine starke Persönlichkeit.Die Antagonisten der Geschichte sind herrlich grausam und das Autoren-Duo schafft es, dass wir Lesende sie abgrundtief hassen. Desweiteren kommen viele unterschiedliche Charaktere vor, die alle ihre Berechtigung haben, jedoch hier nicht von mir aufgezählt werden. Ich war etwas verwundert, dass Helene von Tucher keine größere Rolle spielt, wie es am Anfang vermuten lässt. Außerdem gab es am Ende wirklich für gefühlt jeden Nebencharakter ein happy End, was für mich etwas zu gewollt gewirkt hat.Fazit: Eine wunderbare Geschichte über Nürnberg, das Handwerk und die Entwicklung der Lebkuchen, die sicherlich nicht nur Nürnberger:innen begeistern kann. Ich habe bereits einen anderen Roman von Romy Herold gelesen, dessen Schauplatz ich nicht kenne. Daher bin ich mir sicher, dass man auch ohne Nürnbergkenntnis beim Lesen viel Spaß hat.Das Buch vermittelt sehr viel historisches Wissen in Form von Romanzen, Familiengeschichten und Intrigen. Letztendlich ist es aber auch eine sehr Happy-End-lastige Story, die im Angesicht der Zeit nicht immer glaubwürdig erscheint. Doch ich war sehr unterhalten und habe mich in der Wahl meiner Heimat- und Herzensstadt sehr bestätigt gefühlt :)