Ehedrama mit Plotttwist, den ich so wenig vorhergesehen habe, dass ich am liebsten sofort noch einmal von vorne begonnen hätte.
Adam erkennt das Gesicht seiner Frau nicht - er leidet unter Gesichtsblindheit. Doch dieses Problem ist längst nicht die einzige Herausforderung in der Ehe von Adam und Amelia. Während Adam als erfolgreicher Drehbuchautor zunehmend in seiner Arbeit aufgeht, fühlt sich der andere Teil der Beziehung immer weniger gesehen, gehört und wertgeschätzt. Die Ehe ist geprägt von emotionaler Distanz. In der Hoffnung, ihre Ehe zu retten, reisen die beiden in eine abgelegene, zur Unterkunft umgebaute Kapelle in den schottischen Highlands. Doch von Beginn an wirkt etwas falsch: Der Strom fällt aus, das Haus ist staubig und verlassen - und was ist mit dem Weinkeller unter der Falltür? Schon bald stellt sich die Frage, ob es wirklich Zufall ist, dass Amelia und Adam ausgerechnet hier gelandet sind. Die Geschichte wird aus wechselnden Perspektiven erzählt. Besonders eindrucksvoll sind die Briefe, die zu jedem Hochzeitstag geschrieben wurden und rückblickend das letzte Jahr der Ehe beleuchten. Sie geben tiefe Einblicke in die Beziehung und prägen nachhaltig die Wahrnehmung der Ereignisse. Mit zunehmendem Verlauf wächst das Misstrauen. Jede Figur scheint etwas zu verbergen und als Leser beginnt man, an allen zu zweifeln. Trotzdem erwischt einen der Plotttwist völlig unvorbereitet. Auch nach seiner Enthüllung bleiben Fragen offen - ein Effekt, der die Geschichte noch lange im Kopf nachhallen lässt.Der Einstieg gestaltet sich allerdings etwas zäh. Statt eines klassischen Thrillers erwartet den Leser zunächst ein intensives Beziehungsdrama. Das langsame Zerbrechen der Ehe, das Nebeneinander von beruflicher Besessenheit und emotionaler Vernachlässigung, nimmt viel Raum ein und bestimmt einen Großteil des Buches. Wo man Spannung erwartet, begegnet einem zunächst Tragik und man wird emotional berührt. Besonders gelungen ist die Atmosphäre: Die umgebaute Kapelle wirkt wie ein echtes Spukhaus, das zunehmend von Schnee und Unwetter eingeschlossen wird. Die Isolation, die Kälte und das Gefühl, nicht allein zu sein, erzeugen eine dichte, beklemmende Stimmung. Und warum öffnet im Nachbarhaus niemand die Tür, obwohl dort eindeutig jemand sein muss?Fazit:Wer den ruhigen, melancholischen Einstieg und die intensive Auseinandersetzung mit einer scheiternden Ehe durchhält, wird mit einem packenden und überraschenden Finale belohnt. Schere, Stein, Papier ist weniger klassischer Thriller als psychologisches Kammerspiel - mit einem Ende, das lange nachhallt.