Ein leiser, eindringlicher Roman über Gewalt und Schweigen
BuchvorstellungEs beginnt mit einem Kind und einem Verbrechen. Elsa ist neun Jahre alt, als sie in der winterstillen Weite Sápmi etwas sieht, das kein Kind sehen sollte: den Tod eines Rentiers, ihres Rentiers. Die Landschaft liegt ruhig, fast feierlich da, doch dieser Moment bricht die Ordnung der Welt. Der Täter ist kein Schatten, kein Gerücht, sondern ein Mann aus Fleisch, Drohung und Gewissheit. Er steht vor ihr, sichtbar, greifbar, und doch unerreichbar für jede Form von Gerechtigkeit. Ein Blick genügt, ein stummes Zeichen, und Elsa versteht, dass Reden gefährlich ist. Von diesem Moment an trägt sie etwas mit sich, das schwerer wiegt als jedes Geweih: die Last des Ungesagten, die sich unausgesprochen in ihr festsetzt.Was folgt, ist kein klassischer Kriminalfall mit Ermittlungen und Auflösung, sondern eine langsame, schmerzhafte Entfaltung struktureller Gewalt. Die Erwachsenen reagieren ausweichend, die Behörden zucken mit den Schultern, und Akten schließen sich wie Türen ohne Klinke. Die Tat verliert ihren Schrecken, sobald sie in der Sprache der Verwaltung ankommt. Aus Mord wird ein bürokratischer Vorgang, aus Gewalt ein Verwaltungsproblem. "Gestohlen" heißt es dann, als ließe sich Blut mit einem Stempel trocknen. Während die Rentierherden schrumpfen und die Bedrohung greifbarer wird, wächst auch Elsa; hinein in ein Leben zwischen Angst, unterdrückter Wut und der bohrenden Frage, ob Wahrheit überhaupt gehört werden will, wenn sie aus dem Mund einer samischen Frau kommt.Der Roman Das Leuchten der Rentiere begleitet sie über Jahre hinweg und zeigt, wie aus einem einzelnen Erlebnis ein dauerhafter Zustand wird, der nicht vergeht, sondern sich verfestigt.RezensionAnn-Helén Laestadius schreibt einen Roman, der nicht schreit und gerade deshalb so laut ist. Ihre Sprache ist klar, präzise und unerbittlich, eine Sprache, die nichts beschönigt und keinen Trost anbietet, wo keiner verdient ist. Sie arbeitet mit einer poetischen Strenge, die den Leser nicht schont, sondern zwingt, hinzusehen. Immer wieder entstehen Bilder, die sich festsetzen wie Kälte in den Knochen und wie Erinnerungen, die nicht verblassen, sondern mit der Zeit härter werden. Hier heilt die Zeit nicht alle Wunden. Es sind Sätze, die flackern. Als hätte "die Straßenlaterne Schluckauf", kurz Licht, dann wieder Dunkel, so wie Elsas Gewissheit über Jahre hinweg zwischen Wissen und Verdrängung schwankt.Besonders eindrücklich ist der konsequent eingenommene Blick des Kindes, der nie verklärt oder verniedlicht wird. Elsa denkt nicht in großen politischen Kategorien oder abstrakten Begriffen, sondern in Gefühlen, Gerüchen und Geräuschen. Sie streichelt das Rentierohr, weil sie dessen Tod nicht begreifen kann. Ihre Wahrnehmung ist unmittelbar, fast magisch, und doch von einer schmerzhaften inneren Logik durchzogen. Fantasie und Vorstellungskraft erscheinen nicht als naive Flucht, sondern als notwendige Überlebensstrategien. Wenn Elsa denkt: "Ich bin kein normales Baby, ich bin aus einem Sternenei gekommen", dann ist das keine märchenhafte Realitätsflucht, sondern ein Versuch, sich eine besondere Identität zu bewahren in einer Welt, die sie ständig infrage stellt und in der sie zwar nicht gemobbt wird, in der es aber aus irgendeinem Grund keinen Platz für sie gibt. Daher ist sie allein.Im späteren Teil des Romans verschiebt sich der Ton spürbar. Elsa ist erwachsen geworden, doch die Vergangenheit ist nicht vergangen. Sie steht wie ein Tier im Scheinwerferlicht, reglos, lauernd, jederzeit bereit, wieder zuzuschlagen. Laestadius beschreibt diesen inneren Zustand mit einer Genauigkeit, die sowohl psychologisch als auch politisch wirkt. Es geht nun nicht mehr nur um Schuld oder Angst, sondern um Verantwortung. Nicht nur um individuelles Leiden, sondern um kollektives Wegsehen. Der Roman legt offen, wie ein System funktioniert, das lieber Ordnung verwaltet, als Gerechtigkeit zu riskieren, und wie bequem dieses Wegsehen für all jene ist, die nicht betroffen sind.Dabei bleibt die Geschichte niemals eindimensional. Auch innerhalb der samischen Gemeinschaft zeigt der Roman Risse, Spannungen und Schweigen. Tradition wird nicht romantisiert, sondern kritisch befragt. Zugehörigkeit bedeutet Schutz, kann aber auch einengen. Elsa kämpft nicht nur gegen äußere Gewalt, sondern auch gegen innere Grenzen. Gegen Erwartungen, gegen Rollenvorstellungen, gegen das, was Frauen dürfen, sagen oder sein sollen. Man liest, wie sie versucht, ihr Leben neu zu ordnen. Immer wieder durchziehen den Text stille Momente des Abschieds, in denen Leben neu geordnet werden müssen, als würden "die Scherben eines langen Daseins auf fremde Regale verteilt"; vorsichtig, tastend, ohne Gewissheit, dass sie dort noch zusammenfinden.FazitDas Leuchten der Rentiere ist ein Roman von seltener Wucht und großer Sogwirkung, gerade weil er leise bleibt. Er erzählt von einer Welt, die oft als exotische Randerscheinung missverstanden wird, und zeigt sie als das, was sie tatsächlich ist: politisch, verletzlich und lebendig. Ann-Helén Laestadius gelingt es, eine individuelle Geschichte zu erzählen, die weit über sich hinausweist; nüchtern, klar und frei von Pathos oder moralischem Zeigefinger, mit einer Klarheit, die unter die Haut geht.Dieses Buch verlangt Aufmerksamkeit. Es fordert Geduld, Empathie und die Bereitschaft, sich verstören und in eine seltsame Stimmung versetzen zu lassen. Wer es liest, wird nicht unberührt bleiben. Vielleicht ist genau das seine größte Stärke: dass es nicht versöhnt, sondern erinnert. Dass es Fragen stellt, wo wir lieber schweigen. Und dass es sichtbar macht, wem dieses Schweigen am Ende nützt.