
Besprechung vom 29.11.2025
Seitdem Worte zu Vektoren wurden
ChatGPT und die Folgen: Roberto Simanowski widmet sich Fragen, welche die neuen Chatbots aufwerfen.
Von Helmut Mayer
Der Abgleich von Mensch und Maschine, das Vergleichen von Fähigkeiten, auf die wir uns etwas zugutehalten, mit ihren maschinell erzeugten Simulationen, hat eine lange Geschichte. Er blieb aber selbst dann noch eine eher spielerische, literarische Verarbeitungen in allen Gestalten anziehende Sache, als die Zahnrädchen und auch die Röhren schon hinter dem Horizont der Technikgeschichte verschwunden waren. Gut, die Rechner rechneten mit ihren Chips nun immer schneller, aber diese Überlegenheit einzugestehen, damit fiel uns kein Stein aus der Krone. Es passte ja auch genau in die dafür gern bemühte Fortschrittserzählung: zeitraubende "mechanische" Operationen konnte die Maschine übernehmen, dafür bleibe mehr Zeit für die wirklich menschlichen, kognitiv kreativen Angelegenheiten. Aber dann begann es doch zusehends gerade um dieses Terrain des Kognitiv-Kreativen zu gehen. In dem Maße auch, in dem immer klarer wurde, dass es dazu gar keiner großartigen Weltabbildungen im Computer bedurfte, sondern immenser Rechnerkraft und riesiger Datenmengen. Rechnen in neuronalen Netzen reichte dann eben, die "Künstliche Intelligenz" nahm Fahrt auf. Und der KI-Sommer des Jahres 2023 wurde schließlich zu einer Art von technologischer Epiphanie: Als mit den Large Language Models Sprachmaschinen auf den Plan traten, deren Output nun selbst Kenner zu überraschen schien, von denen einige entschieden vor unvorhersehbaren Risiken - Stichwort "Superintelligenz" - warnten, die bei weiteren Schritten in diese Richtung drohten. Woraus dann im Rückblick eher eine Art Werbeveranstaltung für die ungeahnten Möglichkeiten der Sprachmaschinen wurde, deren geahnte Risiken schnell unter einer immer noch rollenden Welle einer Kapitalzufuhr ohnegleichen verschwanden. Wird halt schon irgendwie gut gehen, und überhaupt: "Technology happens because it is possible" (Sam Altman); und weil sich genügend Leute davon Profit erhoffen. Seitdem wird an den Chatbots auf Teufel komm raus weitergebastelt, und das alte Spiel des Abgleichs mit den Maschinen, auf die sich absehbar immer mehr Menschen verlassen werden, um sich ins Benehmen mit der Welt zu setzen, ist damit in eine neue Runde eingetreten: Denn von der körperlichen Interaktion einmal abgesehen, scheint diesen Bots kognitiv nichts unmöglich. Man muss sich mittlerweile schon gut überlegen, wie man auf digitalem Terrain spezifisch Menschliches gegenüber Maschinen triftig in Anschlag bringt, denen dank möglich gewordener Datensammlung kaum Menschliches mehr fremd bleibt. Roberto Simanowski, als Kenner der digitalen Entwicklungen ausgewiesener Kulturwissenschaftler, hat sich diese rezente Entwicklung, die von ihr aufgeworfenen Fragen und ihnen gewidmete Debatten in einem neuen Buch vorgenommen. Bei Szenarien einer endgültig die Macht ergreifenden "Superintelligenz" hält er sich dabei kaum auf. Vor einem solchen finalen Showdown, der sich vertrauten Imaginationen der Science-Fiction anschmiegt - die zu Bildungsgeschichten von Tech-Entrepreneuren vermutlich eher als Proust gehören -, liegen schließlich noch genügend andere Gefahren, die es zu behandeln gilt. Ein drohender Souveränitätstransfer von Mensch zur Maschine - und zu den Machern der Maschinen - grundiert sie, aber man muss schon näher hinsehen, welche Mechanismen und Phänomene dabei ins Spiel kommen. Simanowski ist ein guter Führer durch die bewegte Welt der Sprachmaschinen. Er erläutert knapp, ohne in die technischen Details zu gehen, ihre stochastischen Verfahren, hat genügend Erfahrungen mit den kontinuierlich fortentwickelten Chatbots gesammelt, kennt die programmatischen Versprechen ihrer Entwickler ebenso wie die Probleme, in die sie sich dabei verstricken, hat zudem aufschlussreiche Studien und Tests zum Umgang mit ihnen zur Hand. Weder geht er dabei den Techno-Optimisten auf den Leim, noch zieht es ihn vorschnell zu Untergangsszenarien. Obwohl natürlich Bedenkliches genug festzuhalten ist, wenn es um die immer attraktivere, bequemere Delegation kognitiver Aufgaben geht, die Auslieferung an die Informationen suchenden, ordnenden, Texte (und Bilder) lesenden, resümierenden, komponierenden Bots. Weil alle diese Tätigkeiten tendenziell von Menschen weniger oder vielleicht bald kaum mehr geübt und zudem einer Instanz überantwortet werden, die wesensmäßig - also nicht bloß einer Absicht ihrer Konstrukteure gehorchend - undurchschaubar und unkontrollierbar verfährt. Simanowski geht der Frage nach, was unter dieser Bedingung Autorschaft bedeutet, sondiert die vermessende, mathematische Natur der Bots, skizziert Szenarien möglicher Entmündigung, klopft der Universalausrede vom (technischen) Fortschritt auf den Busch und widmet das ausführlichste Kapitel den Auseinandersetzungen darüber, wie die Chatbots ihre Arbeiten in den Vektorräumen der Wörter tun, welche soziale Welten sie spiegeln sollen, wie viel an noch so gut gemeinten Eingriffen sie sich dabei leisten dürfen oder nicht, und welchen Vorgaben dabei zulässig sind. Es hat guten Grund, dass Simanowski den Sprachmaschinen als "Umschlagplatz von Werten" den meisten Platz einräumt. Man ist da mitten in den politisch-kulturellen Schlachten, wie das Trainingsmaterial der Bots nun auszusehen hat, welches Finetuning oder Post-Training-Alignment mit welcher Begründung zulässig sein soll oder nicht, um den Output in erwünschte Richtungen zu bugsieren. Die Einsätze diese Kämpfe sind nicht neu, wenn es da um vermeintlich universelle oder eben doch bloß westliche Werte und Gegenpositionen zu ihnen geht oder um die davon nicht abzutrennende Fragen, wie bestimmte gesellschaftliche Gruppen (re-)präsentiert werden sollen. Aber hier, da hat der Autor recht, werden sie ganz konkret verhandelt, zeigt sich bis in die kleinsten Drehungen an den Stellschrauben der Algorithmen und den "Systemprompts", dass die Technik politisch ist (und noch dazu in privaten Händen). Simanowski ist nicht auf Antworten aus, was denn nun die richtigen Methoden seien oder in welche Richtung es überhaupt gehen sollte. Er hat vielmehr einen eher lockeren Parcours komponiert, der den Sinn für Fragen und Probleme schärft. Ein Vorgehen, das er als "philosophisch" versteht, wenn auch ohne den Lesern mit der Arbeit an begrifflichen Schärfungen und Vertiefungen zuzusetzen. Deshalb der Titel "Eine Philosophie der Künstlichen Intelligenz", der auch Anleihen und Exkurse auf philosophischem Terrain mit sich bringt. Mit ihnen ist der Rezensent allerdings nicht immer recht glücklich geworden. Weder braucht es gleich den Griff zu Heideggers Rede von der Sprache als "Haus des Seins" - schon gar nicht, wenn sie auf ungefähr das Gleiche hinauslaufen soll wie Wittgensteins Diktum von Grenzen meiner Sprache als Grenzen meiner Welt -, noch sagt Kleists "Kant-Krise" viel über Kant (sondern über Kleist), und dass Wittgenstein und der Wiener Kreis eine Fixierung auf "Tatsachen" zeigten, die mit den sprachlichen Tatsachen, den Wörtern, welche die Sprachmaschinenstatistisch verarbeiten, allererst ihre Erfüllung findet, ist ebenso wenig wirklich erhellend wie die offerierte genealogische Skizze zum "Vermessungsparadigma der Moderne". Um es etwas paradox zu formulieren: Es braucht die ins Spiel gebrachte explizite Philosophie durchaus nicht immer in dieser Philosophie der KI, selbst wenn der Kehraus mit Hegels Herr-Knecht-Dialektik, nun angewandt auf Mensch und Maschine, durchaus etwas für sich hat. Wenn er nahe an den verhandelten Sachen bleibt, ist Simanowski am überzeugendsten. Die Medienkompetenz freilich, deren Einübung der Autor nachdrücklich empfiehlt, die braucht es sicherlich, ob man sie nun "philosophisch" nennt oder nicht. Sie besteht nicht zuletzt darin, mit den Chatbots - auch auf den Plural kommt es an - zu experimentieren. Es steht schließlich einiges auf dem Spiel. Am Anfang des vorigen Jahrhunderts schrieb ein Autor, bei dem man die Reserve gegen jede vollmundige Beschwörung technischen Fortschritts gut lernen kann: "[A]m Ende liegt eine tote Menschheit neben ihren Werken, die zu erfinden ihr so viel Geist gekostet hat, dass ihr keiner mehr übrig blieb, sie zu nützen. Wir waren kompliziert genug, die Maschine zu bauen, und wir sind zu primitiv, uns von ihr bedienen zu lassen." Die Sache ist noch komplizierter geworden, seit der Geist in die sprechenden Maschinen gefahren zu sein scheint.
Roberto Simanowski: "Sprachmaschinen". Eine Philosophie der Künstlichen Intelligenz.
C. H. Beck Verlag, München 2025. 288 S., br.
Alle Rechte vorbehalten. © Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt am Main.