Wahn(-Sinn); Wolf und Rheinmetall reichen sich die Hand - ersterer eher harmlos, zweites Sinnbild für eine verteufelte Maschinerie ...
Keine Frage, die Geschichte ist in sich schlüssig konstruiert und mit einer Aura umgeben, der man sich kaum entziehen kann - auch wenn so manches Detail ein wenig aus der Spur geraten erscheint, ein wenig zu sehr der Sprache, der Ausdrucksweise die Zügel gelassen werden. Doch die Verknüpfung von Landschaftsgeschichte, historischem Hintergrund und dem aktuellen Geschehen, verbunden mit der persönlichen Auseinandersetzung des neunzehnjährigen Hirten Jannes mit der Familiengeschichte (die auch eine Krankengeschichte umfasst) und seinem Leben mit den Schafen, bildet ein Kompositum, das darauf schließen lässt, dass hier das vollständige Potential des Autors noch nicht gehoben wurde.Hier hätte allerdings ein sorgfältigeres Lektorat, eine stilsichere redaktionelle Begleitung, die eine oder andere Unwucht aus diesem Werk heraushalten können. So lesen wir dann von "gurrenden Kranichen" (Tauben gurren, Kranich trompeten) oder von in Pension gehenden Greisen (so schnell wird man auch nicht zum Greis ...) und einwachsenden toten Gräsern (ein totes Gras ist tot und wächst weder ein noch auf). Auch wenn man einigen Ausdrücken die metaphorische Fabulierkunst des Autors zugutehalten kann, so sind doch "rumpelnde Geschosse", "kreischende Maschinengewehrsalven" (man spürt die räumliche Nähe zur Bundeswehr bzw. zum Rüstungskonzern Rheinmetall, die hier dem möglichst professionellen Töten auf der Spur sind ...) oder "knisternde Asche" zu häufig als Stilmittel gebraucht, irgendwann abgenutzt.Dennoch ist es gerade die Sprache, die dem Denken und Streben von Jannis eine Welt ermöglicht, die nicht nur real daherkommt, sondern auch Verbindungen entdeckt, die so manch anderem nicht möglich sind, seien diese nun der besonderen Sensibilität eines Hirten für seine Tiere entsprungen oder aber doch eher einem Krankheitsbild, dass sich gelegentlich mit einer gewissen Brutalität Bahn bricht. Eingebunden in die Kontinuität einer ortsfesten Familiengeschichte, die auf engem Raum andere Fragen zulässt als zum Beispiel eine Metropole, in der das Leben ganz anders pulst: "Diese Landschaft hat ihm Stricke um die Glieder gelegt, mit neunzehn."Die Geschichte spielt in den Jahren 2014/2015, Deutschland wird Fußballweltmeister, allerdings ist dieser Event so weit weg von dem Geschehen auf dem Heidehof, dass dieses Ereignis eher zu einer Randbemerkung verkümmert. Aber der Wolf. Der Wolf hat es in sich und es den Menschen angetan. Einige wollen ihn einfach nur weghaben, andere ihn schützen - je nach Betroffenheit. "Schüsse sorgen für Ordnung", so die besondere Haltung des Opas Wilhelm. Der Vater steht irgendwie dazwischen, sorgt mit Schutzzaun, Hirtenhund und einem Feuer zumindest für eine wenig Nachdenklichkeit - auch beim Leser. In Jannis Person verbinden sich die verschiedenen Haltungen zum Wolf mit seinen "Wahnvorstellungen", die allerdings zur Realität eine starke Verbindung haben. So bleibt für den geneigten Leser recht viel Spielraum, seinen eigenen Vorstellungen, seiner eigenen Haltung neue Nahrung zu geben.