Wenn man noch nie etwas von dem Land Poyais gehört dann, dann liegt es nicht daran, dass man im Geographie-Unterricht nicht aufgepasst hat, sondern daran, dass es dieses Land nie gegeben hat. Und dennoch haben sich im 19. Jahrhundert zahlreiche Siedler dorthin aufgemacht, denn der angebliche Herrscher von Poyais, ein Schotte namens Gregor Mac Gregor, war nicht nur ein genialer Trickbetrüger, sondern tatsächlich auch ein gefeierter Heerführer aus den südamerikanischen Befreiungskriegen. Sein Coup war derart ausgeklügelt, dass ihm alle auf den Leim gingen, vom einfachen Knecht bis zum gebildeten Akademiker. Uli Achtner, Journalistin und Autorin, hat dieses historische Ereignis aufgegriffen und daraus einen fast 450 Seiten starken historischen Roman geschaffen.
Die Gestaltung des Taschenbuches aus dem emons-Verlag gefällt mir sehr gut. In tropischen Pastellfarben wird eine paradiesisch anmutende Bucht abgebildet, mit hohen Bergen im Hinterland und Palmen und Booten im Vordergrund. Dieses Motiv wird auch auf den vorderen und rückwärtigen Umschlagseiten aufgegriffen und stimmt die Lesenden auf das Buch ein.
Doch das Thema wird etwas anders umgesetzt, als ich es nach dem Klappentext erwartet hätte. Gregor MacGregor ist allenfalls eine Nebenfigur. Ich hätte mir gewünscht, dass er in dem Roman selbst eine prägnantere Rolle einnimmt.
Wir neigen in unserer Gesellschaft dazu, Erfolge zu feiern. Und erfolgreich war Gregor MacGregor zweifellos. Sein Plan war perfide, aber so brillant ausgefeilt, dass das Konstrukt Poyais Realität zu sein schien. Doch wenn man die Opfer mit in den Blick nimmt, dann enttarnt sich diese Brillanz als pure Skrupellosigkeit. MacGregor ist aus egoistischen Motiven über Leichen gegangen. Er hat Existenzen zerstört und unendliches Leid verursacht. Unser Blick auf die Opfer ist häufig getrübt. Statt sie zu stärken, wird ihnen eine Mitschuld unterstellt, zumindest eine Naivität. Es ist in der öffentlichen Wahrnehmung nichts ehrenhaftes daran, ein Opfer zu sein. Das Buch legt den Blickwinkel auf die Opfer, nicht auf den Täter. Am Ende ist die Frage nach seinen Beweggründen - die ich in dem Buch tatsächlich vermisst habe - aber gar nicht so relevant. Vielleicht sollten wir viel mehr auf die Opfer blicken.
Hauptfigur des Romans ist die fiktive Frankfurter Bürgerstocher Julie, die wir auf ihrem langen Weg begleiten - lang, manchmal vielleicht etwas zu lang. Gleiches gilt für den zentralen Protagonisten des zweiten Handlungsstranges, den irischen Söldner Liam. Die Charaktere hätten gerne etwas ausgefeilter gestaltet werden können. Mit Julie konnte ich nicht recht warm werden, sie war mir zu glatt und etwas zu modern beschrieben. Liam hingegen hatte mehr Tiefe, was mir gut gefallen hat. Sein Schicksal hat mich darum auch mehr bewegt. Viele weitere Romanfiguren bleiben leider oberflächlich, manchmal auch klischeehaft dargestellt.
Der Schreibstil ist flüssig und gut lesbar, jedoch in weiten Teilen deskriptiv. Uli Aechter hat für dieses Buch erkennbar gut recherchiert. Ihre Quellenangaben sind umfangreich. Da erkennt man die Journalistin. Ich hätte mir gewünscht, dass sie sich stärker von den historischen Beschreibungen löst und ihren Protagonist:innen noch mehr Leben einhaucht, damit eine größere literarische Tiefe entsteht und der Spannungsbogen etwas raffinierter gehalten wird. So bewegt Aechtner sich an manchen Stellen eher auf einer Reportage-Ebene.
Zusammenfassend ein gut lesbarer und interessanter historischer Roman, der aber die potentiellen Möglichkeiten des Themas noch mehr hätte ausschöpfen dürfen.