Schon in diesem Frühwerk von Leon de Winter wird das Potential des Autors deutlich
In diesem Frühwerk von Leon de Winter ahnt man bereits die großen Themen, die diesen Autor mit starker Empathie und fundiertem Wissen über die Zusammenhänge antreiben: Judentum und Holocaust, familiäre Disruptionen, Bruch mit konventionellen (vereinfachenden) Vorstellungen. Hierdurch sind seine Bücher nicht nur spannungsreich (und ebenso zu lesen), sondern bekommen hierdurch einen historischen Kontext wie analytisch nachhallenden Wert - nicht zuletzt dadurch dokumentiert, dass die aktuellen Konflikte in Nahost dieser Analyse weitgehend folgen. Insofern wäre es an der Zeit zu fragen, wieso die notwendigen Schritte zu einem dauerhaften Frieden in dieser Region nicht schon lange gegangen wurden, denn sichtbar sind sie für alle die sehen wollen schon lange ...Die Zerrissenheit der politisch-gesellschaftlichen Prozesse wird hier auf die personalisierte Ebene des Paul de Wit heruntergebrochen. Auch er zerrissen zwischen seinen eigenen Ansprüchen und tatsächlichen Möglichkeiten: "[...], ich konnte mich auf nichts berufen, ich machte mir selbst etwas vor und kroch in einem eigenhändig geschmiedeten Käfig herum." Bildhafter und eindrücklicher kann man eine Last nicht schildern, die einen herunterdrückt und bis in die Lebensunfähigkeit treiben kann. Hier ist es ein zu schreibendes Buch über den misslungenen Fluchtversuch von Ludwig XVI. und Marie Antoinette ("Die Flucht nach Varennes ..."), dass sich dem Autor quer in den Weg stellt und von zweifelüberbordenden Fragen und Analysen begleitet wird: "Geschichte besteht aus subjektiven, von Individuen mit persönlichen Vorlieben und Abneigungen angestellten Interpretationen einer von keinem Sterblichen zu bewältigenden Anzahl von Ereignissen, Gemütsbewegungen und Naturkatastrophen, die alle zusammen den Lauf der Menschheit zeichnen. Angesichts der ungeheuren Dimension der Materie ist niemand imstande, zu einer auch nur annähernd kohärenten, umfassenden Interpretation der Taten und Ideen zu gelangen, welche die Menschheit in der Vergangenheit hervorgebracht hat und mit welchen wir noch heute bis in die kleinsten Besonderheiten unseres Alltagslebens hinein konfrontiert werden. D i e (Hervorhebung durch H.C.F.) Geschichte existiert nicht, sie verändert sich, weil wir uns verändern. Jede Gegenwart hat ihre eigene Vergangenheit." Und die wird zu allem Überfluss eher durch Zufälle bestimmt als durch einfache Ursache-Wirkungs-Beziehungen ...Die Last seiner eigenen Ansprüche pausen sich notgedrungen auf das Familienleben durch. Da die familiäre Bande nicht nur ein Rückzugsort ist, sondern auch eine mit Ansprüchen an den Ehemann und Vater. Erst eine Affäre bietet kurzzeitig einen Halt, der sich auch positiv auf das Familienleben auswirkt. Aber als Anker für die eigenen Bedürfnisse ist auch eine solche Verbindung letztlich nicht geeignet. Es kommt schon auf das eigene Verhalten und Tun an.Doch dies ist nur die Grundierung der Geschichte. Ihren eigentlichen Antrieb bekommt sie aus der Aufarbeitung der Vergangenheit des Paul de Wit, der seine Eltern nie kennenlernen durfte - und auch nicht seinen Zwillingsbruder, von dessen Existenz er allerdings erst sehr spät erfahren hat. Denn schon kurz nach ihrer Geburt werden die Eltern nach Auschwitz deportiert und die Kinder den N*i-Schergen entrissen, indem diese bei verschiedenen Familien untergebracht werden konnten. Die Vergangenheit kann nicht rückgängig gemacht, die Fehlstellen nicht mehr besetzt werden, doch die Sehnsucht bleibt - lebenslang ...Diese in die Verzweiflung treibende Suchen, diese Spuren, die sich tief ins Hirn eingegraben haben, die ein "normales" Leben fast kaum möglich, es oft eher zu einer erdrückenden Last machen, die daraus resultierende Zerrissenheit wird hier so eindrücklich wie gnadenlos dargestellt. Auch wenn sich hier um eine individuelle Geschichte handelt, so kann man doch durchaus davon ausgehen, dass hier fast jede Leserin, jeder Leser auch Parallelen zu seinem eigenen Leben entdecken kann.(3.6.2024)