Eine ehrliche Rückschau
Margot Friedlanders Text, erstellt unter der Mitarbeit von Malin Schwerdtfeger, ist keine Literatur, wie sie Primo Levi mit "Ist das ein Mensch" oder Imre Kertész mit "Roman eines Schicksallosen" über ihre Zeit unter dem Nazi-Terror vorgelegt haben. Es sind Erinnerungen, an die sie sich aber erst heranwagte, als ihr Mann Adolf Friedlander, der nichts mehr von Deutschland hören wollte, verstorben war."Hatte ich ebenfalls mit Deutschland abgeschlossen? Erst jetzt, nach dem Tod meines Mannes, wurde mir klar, dass es nicht so war, dass es einen Unterschied gab zwischen Adolf und mir. Auch meine Familie war von den Deutschen ermordet worden. Aber das war nur ein Teil der Geschichte, meiner Geschichte. Meine Geschichte war anders als die der meisten Überlebenden, sie war komplizierter. Deutsche hatten mein Leben zerstört, Deutsche hatten es gerettet. Deutsche hatten mich versteckt, Juden mich ausgeliefert."Angeregt durch ein "Write Your Memoir"-Programm in New Yorks jüdischem Kulturzentrum "Y", begann Margot Friedlander über jene Margot zu schreiben, die sie einst gewesen war. In Berlin, als sie noch Margot Bendheim geheißen hatte.Sie erzählt schnörkellos über ihr Leben im Familienverband mit einer geliebten Großmutter und einer Mame, die ihre Kinder (Margot hat noch einen jüngeren Bruder) umsorgt und später alles versucht, um diese kleine, vom Vater im Stich gelassene Familie in Sicherheit zu bringen. Ausreiseansuchen werden abgelehnt, Grenzen geschlossen, Schiffe legen ohne die Bendheims ab. Als endlich die Koffer für den Aufbruch gepackt sind, wird Margots Bruder abgeholt. Die Mutter beschließt, ihm zu folgen, und hinterlässt für Margot die mündliche Botschaft "Versuche, dein Leben zu machen" sowie eine Handtasche mit einem Adressbuch und einer Bernsteinkette.So muss sich Margot allein durchschlagen. Ab nun lebt sie als U-Boot in Berlin, findet Unterschlupf bei unterschiedlichen Menschen. Manche sind selbstlos, andere erwarten eine Gegenleistung, die Margot erneut zum Aufbruch zwingt. Als sie endlich bei einer Familie unterkommt, die ihr so etwas wie Geborgenheit bietet, wird sie bei einer Straßenkontrolle aufgegriffen und nach Theresienstadt deportiert. Dort begegnet sie Adolf Friedländer, träumt mit ihm von der Befreiung, die 1945 tatsächlich stattfindet, doch keine Euphorie auslöst. Dazu sind beide zu sehr beschädigt. Erst langsam beginnen sie, eine Freiheit auszukosten, die sie so viele Jahre nicht hatten: Spaziergänge außerhalb des Lagers, mit einem (gestohlenen) Fahrrad fahren etc.Schließlich die Überstellung in ein Lager für Displaced Persons und die Ausreise in die USA. Die Entscheidung trifft Margots Mann Adolf, den sie zwischenzeitlich geheiratet hat. "Seit meiner Untergrundzeit hatte ich alle Entscheidungen allein getroffen. Nun traf jemand Entscheidungen für mich. Adolf bestimmte, was geschah, so wie er bestimmt hatte, dass wir nach Amerika gehen würden. Einerseits war ich froh, dass ich ein wenig Verantwortung abgeben konnte. Andererseits musste ich erst begreifen, dass ich über mein Leben nicht mehr allein entschied."Sie fügt sich demnach in die damals gängige Rolle der Frau an der Seite ihres Mannes und kehrt erst in die Stadt ihrer Kindheit und Jugend zurück, als es diesen Mann nicht mehr gibt.Lesenswert? Ja. Es sind die vielen kleinen Erlebnisse, die Margot Friedlander offen schildert, die diesen Text zu einem sehr persönlichen Buch machen, das uns in einfachen Worten so einiges über die Conditio humana in bedrohlichen Zeiten erzählt.