Lebensgeschichte einer Holocaust-Überlebenden - Schwerpunkt: Leben im Untergrund und im Lager Theresienstadt
"Versuche, dein Leben zu machen¿ - so der Untertitel dieses mitreißenden Buches einer Zeitzeugin, ein Satz ihrer Mutter, den diese der 21-jährigen Tochter Margot hinterlässt, zusammen mit einer Bernsteinkette, die Margot Friedländer zeitlebens bei sich hat.Es ist ein spannendes, schockierendes Einstiegskapitel aus dem Januar 1943. Gerade sind die Fluchtpläne von Mutter, Sohn Ralph und Tochter Margot zerplatzt. Die Gestapo hat Ralph abgeholt, die Mutter will ihn freiwillig begleiten; Margot war nicht zu Hause, ist somit entkommen. Doch was jetzt, als gesuchte Jüdin in Berlin?Bevor uns Margot Friedländer von ihren Monaten im Untergrund berichtet, gibt sie uns einen kurzen Abriss ihrer Kindheit und Jugend.Doch dann erfahren wir, wie es nach der Deportation von Mutter und Bruder - die übrigens beide in Auschwitz ermordet wurden - weiter ging. Es ist unvorstellbar, wie eine junge mittellose Frau so lange unentdeckt in der großen Stadt Berlin, inzwischen unter dem Bombenhagel der Alliierten leidend leben konnte. Das war nur möglich, weil es Menschen gab, die untergetauchte Juden versteckten und die solche Adressen weitergaben. Allerdings darf man sich nicht alle selbstlos vorstellen, sondern es gab einige, die die prekäre Situation ausgenutzt haben.Margot ließ sich die Haare schneiden und tizianrot färben und sogar die Nase operieren, doch nach 15 Monaten wurde sie bei einer Kontrolle durch sogenannte Greifer - jüdische Mitbürger - gefasst. Auch wenn sie möglicherweise ein schreckliches Schicksal erwartete, fühlte sie sich jetzt nicht mehr vom Schicksal ihres Volkes abgetrennt oder schuldig , weil sie bis jetzt überlebt hatte.Es war bekannt, dass aus den Lagern im Osten nie jemand zurückgekehrt war, dass man aber im Auffang- und Durchgangslager Theresienstadt - ehemals Garnisonsstadt - Überlebenschancen hatte, auch wenn die Zustände im Lager unbeschreiblich waren: Enge, Schmutz, Ungeziefer, Hunger, keine ärztliche Versorgung. Margot arbeitete zuerst in der Schneiderei und dann 'im Glimmer', wo Steine gespalten wurden.'Wie viel kann ein Mensch aushalten?' fragt sie sich, in diesem Zwischenreich, nicht Leben, nicht Tod. Am Ende ging auch vieles an Menschlichkeit verloren und jeder wurde zum Einzelkämpfer.Auch nach der Befreiung ist nichts mehr so wie vorher. 'Vor mir lag das Nichts.' Zum Glück hatte sie im Lager ihren späteren Ehemann Adolf Friedländer getroffen, mit dem sie nach Amerika zu Verwandten emigrierten.Erst als er gestorben ist, er, der verständlicherweise nie wieder etwas mit Deutschen oder etwas Deutschem zu tun haben wollte, kann sie ihre Erinnerungen aufschreiben, woraus dann später in Zusammenarbeit mit der Autorin Malin Schwerdtfeger dieses Buch wird.Ihre Geschichte ist kompliziert und es ist bemerkenswert, wie sachlich und ohne große Dramatik sie die Ereignisse schildert. Ganz besonders beeindruckt hat mich die differenzierte Sichtweise dieser deutschen Jüden, dieser jüdischen Deutschen:'Deutsche hatten mein Leben zerstört, Deutsche hatten es gerettet. Deutsche hatten mich versteckt, Juden mich ausgeliefert.'Nach Jahrzehnten in den USA kehrte sie 2010 für immer nach Berlin zurück und betätigte sich unermüdlich als 'Botschafterin gegen das Vergessen'. Die meisten haben ihr Bild vor Augen, diese sehr alte kleine Frau mit den hellwachen Augen. Sie starb vor Kurzem im Alter von 103.Dieses Buch trägt ihre Botschaft weiter und ich kann es nur uneingeschränkt empfehlen.