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Buch der Chroniken

Originaltitel: Livro de cronicas. 'Sammlung Luchterhand'.
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Sehr zugänglich, sehr vergnüglich, sehr persönlich.

In diesen kurzen, ursprünglich für eine portugiesische Tageszeitung geschriebenen Geschichten zeigt sich Lobo Antunes, der in seinen Romanen die Abgründe der menschlichen Seele erforscht, von seiner … weiterlesen
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Produktdetails

Titel: Buch der Chroniken
Autor/en: António Lobo Antunes

ISBN: 3630620868
EAN: 9783630620862
Originaltitel: Livro de cronicas.
'Sammlung Luchterhand'.
Übersetzt von Maralde Meyer-Minnemann
Luchterhand Literaturvlg.

3. Juli 2006 - kartoniert - 384 Seiten

Beschreibung

Sehr zugänglich, sehr vergnüglich, sehr persönlich.

In diesen kurzen, ursprünglich für eine portugiesische Tageszeitung geschriebenen Geschichten zeigt sich Lobo Antunes, der in seinen Romanen die Abgründe der menschlichen Seele erforscht, von seiner sonnigen Seite. Heitere Episoden aus der Kindheit, Spaziergänge durch Lissabon, Anekdoten aus seiner Zeit als Psychiater, Geschichten über Fußball, Tarzan, Gott, die Buchmesse, die Ehe, Erziehung, Strandleben, Karneval, alte und junge Frauen - Lichtblicke des Lebens, festgehalten mit einem Augenzwinkern.




Portrait

António Lobo Antunes, geb. 1942 in Lissabon, studierte Medizin, war während des Kolonialkrieges 27 Monate lang Militärarzt in Angola und arbeitete danach als Psychiater in einem Lissabonner Krankenhaus. Heute lebt er als Schriftsteller in seiner Heimatstadt. Lobo Antunes zählt zu den wichtigsten Autoren der europäischen Gegenwartsliteratur. In seinem Werk, das mittlerweile zwanzig Titel umfasst und in über dreißig Sprachen übersetzt worden ist, setzt er sich intensiv und kritisch mit der portugiesischen Gesellschaft auseinander. Er erhielt zahlreiche Preise, darunter den 'Großen Romanpreis des Portugiesischen Schriftstellerverbandes', den 'Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur', den 'Jerusalem-Preis für die Freiheit des Individuums in der Gesellschaft' und zuletzt 2007 den Camões-Preis.

Leseprobe

Ich bin in einem Vorort von Lissabon, in Benfica, aufgewachsen, damals Villen mit Gärten, kleine Gassen, niedrige Häuser, und ich hörte, wie in der Abenddämmerung die Mütter - Vííííííííítor riefen, mit einem Schrei, der, von der Rua Ernesto da Silva ausgehend, die Störche auf den Wipfeln der höchsten Bäume erreichte und die Pfauen im Teich unter den Ulmen ertränkte. Ich wuchs auf neben dem kleinen burgartigen Stadtor, das uns von Venda Nova und der Estrada Militar trennte, in einem Land, dessen Grenzposten die Drogerie von Senhor Jardim, der Krämerladen vom Glatzkopf und die Konditorei von Senhor Madureira und der Kurzwarenladen Havaneza von Senhor Silvino waren, und verbrachte die Nachmittage in der Schusterwerkstatt von Senhor Florindo, der in einem dunklen Kabuff, umringt von auf kleinen Schemeln sitzenden Blinden, in den Geruch von Leder und Armut gehüllt, der bis heute der einzige mir bekannte Geruch der Heiligkeit ist, Sohlen hämmerte. Dona Maria Salgado, klein, mager, immer in Trauerkleidern, trug die Heilige Familie von Villa zu Villa, und vierzehn Tage lang beherbergten meine Großeltern diese drei Tonfiguren unter dem beschlagenen Glassturz, den die Dienstmädchen mit Öldochten beleuchteten. Ich wuchs auf zwischen Senhor Paulo, der mit Bindfäden und Rohrstöckchen die Flügel der Spatzen richtete, und den Papageiennasen, deren Tante mit einem Zigeuner auf und davon war und am Strand aus Händen die Zukunft las, schwarz gekleidet wie die Witwe eines Seemanns, der die Küste nie erreicht
hat. Meine Freunde hatten unglaubliche Vornamen (Lafaiete, Jaurés)und wohnten in Erdgeschossen, deren Fenster auf Straßenhöhe lagen und in denen riesige Radioapparate, Blumentöpfe mit Basilikum und Gevatterinnen in Pantoffeln zu erkennen waren. Der Hund der Gerberei zündete in den Julinächten, in denen Akazienpollen auf meine Augenlider regneten, phosphoreszierendes Gebell an, ich fand mich, vor Liebe zur Frau von Sandokan ersterbend, im Schulklo eingeschlossen als Einhorn wi
eder, und der Brigadier Maia stieg, die Baskenmütze auf dem Kopf, mit ausladenden Gesten auf die Regierung schimpfend, zur Adega dos Ossos hinunter. Damals, als ich dreizehnjährig im Fußballclub Benfica das erste Mal Rollschuhhockey spielte, stellte der mit den Schulterpolstern eines mittelalterlichen Barons versehene Torwart den staunenden Kameraden mich mit
- Der Vater vom Blondschopf ist Doktor vor, was sofort in dem Augenblick meinen ersten sportlichen Ruhm und die erste finstere Verantwortung herstellte, als der Trainer, indem er meine Muskeln mit den Augen abtastete, mit zweifelnd verzogenem Gesicht meinte - Mal sehen, ob du die fertigmachst, Blondschopf, dein Vater war nämlich auf der Rollschuhbahn ein ziemlicher Raufbold.
Der Besitzer der Apotheke União war Stockkämpfer, die Gattin des Besitzers der Apotheke Marques eine üppige Griechin mit amphorenförmigem Hinterteil und glühenden Augen, die mich die Frau von Sandokan vergessen ließ, wenn ich sie sonntags auf dem Weg zur Kirche sah, der Glöckner, der Zé-der-Hammer genannt wurde und während der Elevation der Mittagsmesse Papagaio Loiro anstelle des vorgeschriebenen Am dreizehnten Mai spielte, besaß ein Beerdigungsinstitut, dessen Prospekt mit den Worten begann Wozu unbedingt weiterleben, wenn Sie für hundert Escudos eine schöne Beerdigung haben können?, und ich schrieb in den Hockeypausen Gedichte, rauchte heimlich, war zwischen Jesus Correia und Camões hin- und hergerissen, und ich war unverschämt glücklich.
Wenn ich heute nach Benfica zurückkehre, finde ich Benfica nicht mehr. Die Pfauen schweigen, kein Storch hockt mehr auf der Palme bei der Post
(die Palme bei der Post gibt es nicht mehr, das Landgut der Lobo Antunes ist verkauft worden)
Senhor Silvino, Senhor Florindo und Senhor Jardim sind gestorben, mehrstöckige Gebäude wurden an der Stelle der Häuser hochgezogen, doch ich habe den Verdacht, daß unter diesen Gebäuden mit fünf, sechs, sieben, acht, neun Stockwerken, irgendwo un
ter den verglasten Veranden und Bankfilialen, Senhor Paulo noch immer mit Bindfäden und Rohrstöckchen die Flügel der Spatzen richtet, Dona Maria Salgado noch immer mit dem beschlagenen Glassturz mit der Heiligen Familie von Villa zu Villa trabt, Lafaiete und Jaurés auf der Calçada do Tojal von Basilikumtöpfen und Gevatterinnen in Pantoffeln umringt Kippel-Kappel spielen. Es gibt keine Pfauen und keine Störche mehr, doch die Akazie meiner Eltern hält beharrlich stand. Vielleicht hält nur die Akazie stand, bleibt allein sie aus dieser Zeit wie der die Wellen durchbrechende Mast eines versunkenen Schiffes. Die Akazie reicht mir. Die Läden und die Hinterhöfe haben sie abgerissen, sie spielen nicht mehr Papagaio Loiro mit den Glocken, doch die Akazie hält stand. Hält stand. Und ich weiß, daß ich bei ihrem Stamm, wenn ich die Augen schließe und das Ohr an den Stamm lege, die Stimme meiner Mutter hören werde, die
- Antóóóóóónio ruft, und ein weizenblonder Junge wird durch den Garten kommen, in der Hosentasche ein Säckchen mit Murmeln, er wird an mir vorübergehen, ohne mich zu sehen, und dort oben in seinem Zimmer verschwinden und davon träumen, daß die Frau von Sandokan ihn jedenfalls niemals zwingen würde, beim quälenden Abendessen Kartoffelpüree und Suppe mit Kohlrübenblättern zu essen.


Der große Barrigana
In den letzten vierzig Jahren habe ich voller Begeisterung, Hingabe und Bewunderung fast alle portugiesischen Torhüter spielen sehen, vom unvergeßlichen Azevedo, dem Herkules von Barreiro, bis hin zu José Pereira, dem Blauen Vogel
(von dem ich monatelang eine illustrierte Biographie wie einen Schatz gehütet habe, in der es jede Menge Fotos gab, von denen eines einen verhutzelten kleinen Mann neben einer Lokomotive und den beeindruckenden Untertitel zeigte, Sein Vater Amadeu Pereira in Ausübung seines Berufes als Tunnelwächter vom Rossio)
ich habe den hünenhaften Ernesto vom Atlético gesehen, den Schrecken der Rechts- und Linksaußenspi
eler, ich habe Abraão vom Olhanense gesehen, dessen magischer Name für mich den apokalyptischen Klang des Katechismus besaß, habe Cesário vom Sporting de Braga an jenem ruhmreichen Nachmittag gesehen, an dem er auf dem Grandplatz des Benfica die Torschüsse von Palmeiro, Arsénio, Águas, Rogério und Rosário gehalten hat, ich habe Capela vom Académico gesehen und Sebastião, den blonden Nero vom Estoril Praia, der für seine akrobatischen Flüge berühmt war, habe Campo Francisco Lázaro gesehen, der sich dem phantastischen Aníbal mit der mit Brillantine geformten Tolle auf ganzer Linie geschlagen geben mußte, angesichts dessen mein Onkel José Maria immer ausrief, größer war nur der von den punischen Kriegen, ich habe den kapriziösen Carlos Gomes gesehen, wie er Fotografen mit Fußtritten traktierte, bevor er nach Spanien transferiert wurde und dem Präsidenten des Clubs, als sie ihn nicht bezahlten, mit dem berühmten Satz drohte: Kein Geld kein Torwart, ich habe voller Zärtlichkeit Vital vom Lusitano de Évora begleitet, der mit der nachdenklichen Hacke seines Fußballstiefels die Mitte des Tores markierte, und dennoch habe ich zu meinem größten Bedauern kein einziges Spiel meines Idols gesehen, Frederico Barrigana, den Eisenhände genannten Keeperdes FC Porto. Um dieses Unglück wettzumachen, schnitt ich hingerissen die Schnappschüsse aus der Zeitung aus, die ihn zeigten, wie er mit einem Stürmer hochsprang und ihm dabei ein bremsendes Knie in die männlichen Teile rammte (warum bloß Teile, wo sie doch ganz sind?) um das mörderische Ungestüm des Gegners abzukühlen; ich bewunderte seine Glatze, die die Mütze genau wie eine Kapsel bedeckte; ich sammelte seine Interviews
(als Beispiel eine seiner prophetischen Erklärungen: Die Jungs vom Elvas werden alles um alles geben) und verfolgte mit offenem Mund, die Finger muschelförmig ans Ohr gelegt, die Reportagen von Artur Agostinho, der sonntags nachmittags um drei in epischem Tonfall von den Heldentaten des großen Frederico Barrig
ana im bis auf den letzten Platz besetzten Stadion berichtete. Mit zwölf Jahren wäre ich, hätte es nicht meinen leidenschaftlichen Wunsch gegeben, Schriftsteller zu werden, zu gern jener Eisenhände gewesen. Aber ich besaß selbstverständlich ein ausreichend gutes Gefühl für meine Grenzen, um zu wissen, daß man nicht der große Frederico Barrigana sein wollen kann; man ist es, weil Gott ihn so geschaffen hat, vollkommen wie nur er, von Anfang an.
Der Schmerz, kein einziges Spiel vom großen Frederico Barrigana miterlebt zu haben, hat mich ein ganzes Leben lang mit periodisch aufglimmender Melancholie begleitet, was mich dazu brachte, alle anderen portugiesischen oder ausländischen Torwarte, die mir das Estádio da Luz bot, mit einem schnellen Schulterzucken verächtlich abzufertigen: Es war das Barrigana-Syndrom
(eine Wesenheit der Nosologie, um deren Eingang in die medizinischen Fachbücher zu kämpfen ich nicht aufgegeben habe) das mein Hirn bearbeitete: Eisenhände wurde zum unerreichbaren idealen Normmeter aus Platiniridium, wie jener im Institut für Maße und Gewichte (für nähere Erklärungen siehe die Abbildung im Physikbuch des 3. Gymnasiumsjahres) mit dem alles im Leben gemessen wurde, seien es Politiker, Dichter, Vizekönige oder Bildhauer.
Im Jahr 1973 gefiel es dem Allerhöchsten, meine Bitten in Angola, in der Ebene von Cassanje, endlich zu erhören. In einer Pause in den kriegerischen Dramen an der Grenze zum Kongo, die jetzt nichts zur Sache tun, ging ich gerade über den Fußballplatz des Ferroviário de Malanje, als ich einen glatzköpfigen, dickbäuchigen Mann in einem gewissen Alter sah, der im Trainingsanzug auf das Tor schoß, in dem ein Mulatte stand, dessen Scheitel mit einem Taschenmesser ins Knäuel des Kraushaars geschnitten war, während ihn hinter dem Netz eine Gruppe schwarzer Kinder begeistert mit den Schreien anfeuerte - Zeig's ihm Barrigana,
- Semmel ihn rein Barrigana, - Versenk ihn Barrigana, ich näherte mich anfangs ungläubig, dann hi
ngerissen: ER war es. Auf einem verlorenen Fußballplatz in Afrika, inmitten von Affenbrotbäumen und Mangobäumen voller Fledermäuse, brachte Eisenhände, um den Hals eine Trillerpfeife, von missionarischem Geist und einer pädagogischen Hingabe erfüllt, die mich entzückten und rührten, den Kindern aus dem Musseque Fußball bei. Bei jedem Schuß des Genies brüllten die Jungs ekstatisch - Hau drauf Barrigana, mit einer Vertraulichkeit, die mein Idol ärgerte. Niemand, kein Staatschef, Feldmarschall, Papst oder Zahnarzt, hatte aus seiner und aus meiner Sicht das Recht, den göttlichen Frederico Barrigana zu duzen. Zu Recht über eine derartige Beleidigung empört, ließ Eisenhände mit einer Patriziergeste den gescheitelten Mulatten erstarren, der sofort unterwürfig Haltung annahm, und ging dann mit ausgestrecktem Zeigefinger auf die vor Respekt wie angewurzelt dastehenden Kinder zu und befahl mit fürchterlicher Stimme wie beim Jüngsten Gericht, um ihre Zunge zu zähmen und sie jene ehrerbietige Höflichkeit zu lehren, die man den Göttern schuldet, welche Jupiters Barmherzigkeit uns nur höchst selten schickt, um unsere Existenz zu rechtfertigen, wie auch Eroberern, Heiligen, Geometern und Steuerprüfern - Nicht Barrigana und nicht per du. In der dritten Person:
Senhor Barrigana. Und nie habe ich ihn mehr bewundert als an jenem Tag.
Verkehrsampeln und ihre Folgen
Ich hasse Verkehrsampeln. Zuerst einmal, weil sie immer rot sind, wenn ich keine Zeit habe, und grün, wenn ich welche habe, einmal abgesehen vom Gelb, das in mir immer eine gräßliche Unentschlossenheit hervorruft: Soll ich bremsen oder Gas geben? Bremsen oder Gas geben? Bremsen oder Gas geben? Ich gebe Gas, dann bremse ich, gebe wieder Gas, und als ich wieder bremse, ist mir gleich ein Lieferwagen in die Tür gefahren, hat sich bereits eine Menschenmenge versammelt, die auf Blut hofft, ist schon ein Typ mit einem Schraubenschlüssel in der Hand aus dem Lieferwagen gestiegen und nennt mich Sie Esel, legt mir die
Versicherungsgesellschaft bereits wärmstens nahe, sie gegen irgendeine Rivalin auszutauschen, habe ich gleich eine Woche lang kein Auto mehr, stehe ich am Rand des Bürgersteigs und winke den Taxis mit den Gesten eines Ertrinkenden zu, zahle ich ein Vermögen für jede Fahrt und muß zudem noch das Pirilampo Mágico und die Heilige Jungfrau auf dem Armaturenbrett, das am Rückspiegel hängende Plastikskelett, den Aufkleber mit dem langhaarigen Mädchen mit Hut neben dem Hinweis ertragen Nicht rauchen ich bin Asthmatiker, eine Nachbarschaft, die mich annehmen läßt, daß die Atemwegsprobleme sich aufgrund irgendeiner verborgenen Niedertracht des Mädchens verstärken, welche allerdings ist mir nicht klar.
Der zweite und hauptsächliche Grund, weshalb ich Verkehrsampeln hasse, ist, daß jedesmal, wenn ich anhalte, an der Scheibe die unglaublichsten Kreaturen auftauchen: Zeitungsverkäufer, Verkäufer von Heftpflastern, fromme Damen mit einem Metallkästchen vor der Brust, die einem herrisch den Krebs von der Krebshilfe aufs Herz kleben, die stämmigen Burschen der Blindenliga João de Deus unweit eines Lautsprechers auf einem Lastwagen mit einem niegelnagelneuen Straßenkreuzer darauf, der würdige Herr, dem die Brieftasche geklaut wurde und der nun Geld für den Zug nach Porto braucht, der Tuberkulosekranke mit seinem Attest als Beweis, jede Art von Krüppeln (Mikrozephale, Makrozephale, Einbeinige, Bucklige, nach innen und nach außen Schielende, Menschen mit Kropf, verkrüppelten Armen, Händen mit sechs Fingern, Händen ohne einen einzigen Finger, Mongoloide, Parteifunktionäre usw.) einmal ganz abgesehen von den Männern der freiwilligen Feuerwehr, die einen Krankenwagen brauchen, den Coimbra-Studenten im letzten Studienjahr mit Umhang und im Gehrock, die beschlossen haben, zum Abschluß des Studiums eine Reise nach Burma zu machen, und all den Heroinjunkies, denen es an diesem Tag noch nicht gelungen war, einen Kassettenrecorder zu stehlen.
Ergebnis: An der ersten Ampel ist mein Kl
eingeld alle. An der zweiten habe ich keine Jacke mehr. An der dritten habe ich keine Schuhe mehr. An der fünften bin ich nackt. An der sechsten habe ich den Volkswagen verschenkt. An der siebten warte ich, daß es Rot wird, um mit der Menge aus Feuerwehrleuten, Studenten, Drogensüchtigen und Mikrozephalen das erste sich nähernde Auto zu überfallen. Im Durchschnitt wechsle ich fünfmal die Kleidung und den Wagen, bis ich mein Ziel erreiche, und wenn ich am Lenkrad eines TIR-Lastwagens, in riesigen Hosen schwimmend, ankomme, beschweren sich meine Freunde darüber, daß ich unpünktlich bin.
Gestern um drei Uhr nachmittags
Ich kenne Pedro, so lange ich denken kann. Wir wohnten beide in der Travessa dos Arneiros in Benfica, ich unten zwischen der Schusterwerkstatt von Senhor Florindo und dem Kohlenladen, in dem Briketts und Rotwein verkauft wurden und in dem ein Rabe mit gestutzten Flügeln lebte, der alle Welt vom Sägemehl des Fußbodens aus beschimpfte, und er bei seiner Großmutter in der Nähe des Friedhofs in einem Häuschen mit Porzellanbambis auf den Regalen und einem Garten mit einem riesigen, an die Mauer gelehnten Mispelbaum, der keine Früchte trug.
Wir gingen zusammen in die Schule von Senhor André, sammelten gemeinsam Fußballbildchen und Fotos von Filmschauspielern aus den Kaugummis, wir sammelten für das Fest des heiligen Antonius auf dem Largo Ernesto da Silva und lasen das Lokalblatt Ecos de Pombal, das seine Großmutter abonniert hatte, vor allem die Todesanzeigen voller überraschender Mitteilungen. Ich erinnere mich an eine, in der kundgetan wurde, daß der Comendador Ernesto da Conceição Borges, der Onkel unseres werten Mitarbeiters Carlos Alberto Borges, zu gelegener Zeit in Brasilien gestorben sei. Ich für meinen Teil hoffe, niemals zu gelegener Zeit für einen meiner Neffen zu sterben.
Später ging ich, da mein Vater Arzt war, in das Liceu Camões. Da Pedros Großmutter Ecos de Pombal abonniert hatte, ging er in die Escola Veiga Beirão. Aber tr
otz dieser unterschiedlichen Schicksale, die aus der Tatsache herrührten, daß ich in zwölf Zimmern lebte, er aber nur in zweien, blieben wir Freunde. Wir wurden am selben Sonnabendnachmittag in die Geheimnisse des Fleisches in einem ersten Stock in der Rua do Mundo initiiert, einem Raum voller Spiegel und zerrissenem Samt, in dem die Wohltäterinnen auf zittrigen Stühlen Tantenhäkelarbeiten anfertigten. Eine Dame in Pantoffeln, die ihre Krampfadern wie ein invalider Sohlengänger herumschleppte, bot uns, als wir hereinkamen, ein Bier an und leerte, als wir hinausgingen, unsere Taschen. Und während wir in einem Seelenzustand die Treppe hinunterstiegen, der einer Levitation nahekam, dachte ich an das Geschöpf, das mir zum ersten Mal in meinem Leben die Fähigkeit zu fliegen verliehen hatte: Sie hieß Arlete, war in einer Nonnenschule in Penafiel erzogen worden und arbeitete im Bairro Alto, um die blinde Mutter ernähren zu können.
(Noch heute, wenn ich an sie denke, hoffe ich, daß sie Ecos de Pombal abonniert hat, um die Nachricht zu lesen, daß ein Onkel von ihr im Range eines Comendador in Brasilien gestorben ist, damit sie ihrer Mutter die Bequemlichkeiten, die die würdige Dame verdiente, bieten und selber ihre religiöse Erziehung vollenden konnte.)
Nach dem Krieg sahen Pedro und ich uns weiterhin. Er war aus Benfica weggezogen, hatte ein Haus in Amora gemietet, arbeitete als Buchhalter in einer Reifenfabrik und schrieb Romane, die wir auf Segeltuchklappstühlen unter dem Apfelbaum im Garten sitzend Satz für Satz durchsprachen. Ich habe ihn zu einer Figur eines meiner Romane gemacht, seine Großmutter zu der eines anderen. Ich besuchte ihn sonnabends, und wir sprachen stundenlang über das verlorene Benfica und darüber, was wir einstweilen noch nicht verdienten. Ich war vor kurzem geschieden worden, Pedro hatte nie geheiratet.
Gestern bin ich wie gewohnt zu ihm nach Amora gefahren. Es war drei Uhr nachmittags.


Pressestimmen

"Man möchte aus dem Buch, das noch dazu hervorragend übersetzt ist, unentwegt jemandem vorlesen, das Leseglück teilen."

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