Die Grenzen zwischen Gut und Böse, Schuld und Sühne verschwimmen!Die Autorin wurde 1982 in Tel Aviv geboren, studierte Psychologie, Film und Drehbuch und gewann für ihre Arbeiten im Filmbereich mehrere Auszeichnungen. Ihr erster Roman "Eine Nacht, Markowitz" erhielt den Sapir-Preis (renommierter israelitischer Buchpreis) für das beste Debüt Israels und wird derzeit von der BBC verfilmt.Zum Inhalt:Der Neurochirurg Etan Grien lebt mit seiner Familie in Beer Scheva, einer der größten Städte Israels. Eines Abends, als Etan übermüdet aus dem Krankenhaus heimkehrt und mit seinem roten Jeep über die Landstraßen prescht, fährt er einen Mann um. Er begeht Fahrerflucht und der schwer verletzte Eritreer, ein illegaler Einwanderer, stirbt wenig später am Unfallort. Doch am nächsten Morgen steht die schöne Sirkit, die Frau des Opfers, vor seiner Haustür und macht Etan einen ungewöhnlichen Vorschlag, der sein Leben komplett umkrempeln wird ¿ ein Roman in der Grauzone zwischen Gut und Böse, Schuld und Vergebung, Liebe und Hass...Meine Meinung:Inhaltlich ist die Handlung dramaturgisch sehr gut aufgebaut. Hitchcock-like fängt es mit leisen Tönen an, fast unmerklich hat eine Handlung eine andere zur Folge, steigert sich dann langsam von einem gut behüteten Geheimnis zur offenen Lüge, die immer mehr nach sich zieht und das Risiko gefährlich erhöht. Die Unterschiede von Gut und Böse, von Schuld und Sühne verwischen, was Anfangs als klar erschien, stellt sich als Trugbild heraus. Am Schluss scheint es fast kein Entrinnen mehr zu geben und doch kommt alles anders als gedacht ¿ die Autorin spielt hier bewusst und psychologisch geschickt mit der Erwartungshaltung des Lesers. Statt ihm das zu geben, was er sich wünscht, was er nahezu verlangt, wird der Leser mit etwas viel Wertvollerem überrascht und fängt an, darüber nachzudenken: Was ist wirklich gut und was böse? Wie lange dauert es, eine Schuld durch Sühne abzutragen?Sprachlich gesehen ist der Roman auf einem gehobenen Niveau, anspruchsvoll, poetisch schön, aber auch gewöhnungsbedürftig und eigen ¿ Letzteres drückt sich z.B. darin aus, dass tw. Anführungszeichen bei direkter Rede fehlen oder bei dem einen Sprecher Anführungszeichen stehen, bei anderen dagegen die Schrift kursiv gesetzt ist, um einen surrealen Eindruck zu vermitteln. Oder viele Sätze, ja ganze Absätze sind in Klammern gesetzt ¿ doch an all diese Eigenarten gewohnt man sich mit der Zeit schnell. Der poetischen Sprache wird teils eine sehr derbe Sprache dagegen gesetzt, worüber in der Leserunde bei LovelyBooks eine heiße Diskussion entbrannte ¿ ich glaube mittlerweile, dass die Autorin auch sprachlich den Gegensatz zwischen Gut (poetisch) und Böse (derb) hervorheben wollte.Wann werden ¿Löwen geweckt¿? Wenn unsere dunkle, wilde Seite zum Vorschein kommt, wenn unser Raubtier in uns erwacht. Etan hat bei dieser Fahrerflucht in der Tat genau dies getan, nämlich ¿Löwen geweckt¿, nicht nur in sich, sondern auch in Sirkit. Jeder Leser mag den Titel anders interpretieren, doch für mich ist Sirkit ¿die Löwin¿, die durch Etan ¿geweckt¿ wurde. Er hat sich und andere für immer verändert!¿Wie schön ist die Erdkugel auf ihrer richtigen Bahn. Wie angenehm, sich mit ihr zu drehen. Zu vergessen, dass es einmal eine andere Bahn gegeben hat. Dass eine andere Bahn im Bereich des Möglichen liegt.¿Weder Etan oder Sirkit oder der Leser werden je vergessen, dass eine andere Bahn im Bereich des Möglichen lag. Der Roman ¿ ein wahres Juwel, dem ich sicher irgendwann ein zweites Mal meine Aufmerksamkeit schenken werde!Fazit:Ein sehr anspruchsvoller Roman mit poetischer Sprache, wortgewaltig, episch, der mit den Erwartungen des Lesers psychologisch geschickt spielt, zum Nachdenken anregt und noch lange in den Gedächtnissen der Leser haften bleiben wird. Empfehlenswert für Leser, die ein Lesevergnügen der besonderen Art erleben wollen ¿ daher sind 5 Sterne auch weniger als verdient!