Nach dem plötzlichen Tod seiner Frau Birgit begibt sich Kasper auf Spurensuche. Woran hat sie all die Jahre im Stillen geschrieben? Als er auf ihr unvollendetes Romanmanuskript stößt, offenbaren sich ihm Gedanken, Ängste und traumatische Erlebnisse, die Birgit zeit ihres Lebens vor ihm verborgen hat. Durch die Aufzeichnungen erfährt Kasper, dass sie in jungen Jahren in der DDR ein Kind zur Welt brachte, das sie jedoch direkt nach der Geburt zurückgekassen hat. Birgits Biografie ist geprägt vom Leben im Osten, der Flucht nach West-Berlin und dem Gefühl, im Westen nie richtig anzukommen oder dazuzugehören. Zurück bleibt Kasper - wütend, verletzt, betrogen und zutiefst einsam.Ausgelöst durch diese Entdeckung macht er sich auf die Suche nach Birgits Tochter - ein Schritt, den seine Frau aus Angst vor Zurückweisung nie gewagt hat. Kasper findet die Tochter, Svenja, tatsächlich. Sie lebt mit ihrem Mann und der gemeinsamen Tochter Sigrun in einer völkischen Gemeinschaft im Osten Deutschlands. Behutsam nähert sich Kasper seiner Enkelin an, gewinnt ihr Vertrauen und schafft es schließlich, dass sie ihn in den Ferien mehrfach in Berlin besucht. Bei jedem Treffen versucht er rücksichtsvoll und ohne Aufdränglichkeit, ihr seine Welt zu zeigen und ihr Alternativen zur rechten Ideologie ihres Elternhauses aufzuzeigen. Es ist ein schwieriger, kräftezehrender Weg. Bis zum Schluss bleibt offen, ob sein Ringen um die Enkelin und diese zarte Saat der Hoffnung am Ende Früchte tragen werden.Dieses Buch hat mich in eine Lebenswelt mitgenommen, mit der ich mich bisher so noch beschäftigt hatte. Bernhard Schlink schreibt unglaublich klug. Er verzichtet auf den erhobenen Zeigefinger. Stattdessen zeigt er feinfühlig, wie man durch Musik, Literatur und Kunst zu einem Menschen durchdringen und dessen Gefühlswelt positiv verändern kann.Ich mag es nicht, wenn in Rezensionen behauptet wird: "Dieses Buch MUSS man gelesen haben." Jeder sollte völlig frei entscheiden, was er liest. Doch "Die Enkelin¿ ist für mich ein wunderbares, tiefgründiges Werk über die Gräben zwischen Ost- und Westdeutschland, die Gefahr nationalsozialistischen Gedankenguts und die verbindende Kraft der Kultur. Es ist eine Hommage an die Hoffnung - und eine Erinnerung daran, dass man Menschen nicht aufgeben darf, auch wenn sie einen manchmal verzweifeln lassen. Für mich ein unglaublich bereicherndes und wichtiges Buch.