Berührend
Ein Gemälde, das einst eine Dreiecksbeziehung zwischen einem Maler, einem Unternehmer und einer Frau in Aufruhr versetzte, taucht Jahrzehnte später wieder auf und mit ihm eine ganze Vergangenheit. Bernhard Schlink erzählt in "Die Frau auf der Treppe" von Liebe, Schuld und den Spuren, die eine Begegnung im Leben hinterlassen kann.Der Ich-Erzähler, ein inzwischen älterer Rechtsanwalt, steht während einer Geschäftsreise in Sydney plötzlich vor einem Gemälde, das er nie vergessen konnte: Die Frau auf der Treppe. Er erkennt sie sofort, Irene, jene Frau, in die er sich als junger Mann verliebte, während er als Anwalt in den Streit zwischen ihrem Ehemann und ihrem Liebhaber verwickelt war. Damals war alles ein einziges Geflecht aus Leidenschaft, Besitzansprüchen und Verrat. Und nun ist sie wieder da, zumindest ihr Abbild.Von dieser Entdeckung lässt sich der Erzähler nicht mehr los. Er sucht nach der Frau, die sein Leben einst aus der Bahn geworfen hat, und findet sie tatsächlich, zurückgezogen, krank und alt, in einer einsamen Bucht an der australischen Küste. Dort begegnen sich zwei Menschen wieder, die vieles verpasst, aber nichts vergessen haben.Schlink schafft es auf beeindruckende Weise, aus dieser schlichten Konstellation - Mann, Frau, Bild - ein stilles, tiefgründiges Nachdenken über verpasste Chancen und das Altern zu formen. Seine Sprache ist unaufgeregt, fast nüchtern, aber gerade das macht sie so eindringlich. Zwischen den Zeilen steckt eine große Melancholie. Über die Zeit, die vergeht, über das, was hätte sein können, und über das, was bleibt.Mich hat besonders berührt, wie wenig pathetisch Bernhard Schlink über große Themen schreibt. Statt Gefühlsausbrüchen zeigt er kleine Gesten, Erinnerungsfetzen, zarte Gedanken. Das gibt der Geschichte eine fast meditative Ruhe, auch wenn sie für meinen Geschmack zwischendurch einige Längen hat. Gerade im mittleren Teil verliert der Roman etwas an Spannung, weil vieles angedeutet, aber wenig wirklich entwickelt wird. Dennoch wollte ich wissen, wie dieses Wiedersehen endet und was Irene wirklich antreibt.Am Ende bleibt ein stilles Nachdenken zurück. Über die Macht der Erinnerung, über das, was uns in jungen Jahren antreibt, und darüber, wie man Frieden schließt mit dem eigenen Leben."Die Frau auf der Treppe" ist kein großes Drama, kein mitreißender Liebesroman, sondern eine leise, nachdenkliche Geschichte, die erst im Nachklang ihre Wirkung entfaltet.