
Besprechung vom 24.01.2026
Auf Lumpen
Dirk Rose führt durch die Medienkritik
Politiker, die Begriffe wie "Lügenpresse", "Fake News" oder "Mainstreammedien" in Umlauf gebracht haben, sind nur Trittbrettfahrer einer Denkpraxis, die mehr als zweitausend Jahre alt ist. Jedem Medienbruch seit der Erfindung der Schrift wurden horrende Verlustrechnungen gegenübergestellt, zeigt der Germanist Dirk Rose bündig in seinem Überblickswerk "Medienkritik". Sokrates' Warnung vor dem Verlust des Gedächtnisses durch die Speicherfunktion der Alphabetschrift ist gewissermaßen der Prototyp dieser Kritik, die bis in die Gegenwart reicht - man denke nur an die vielen Klagen über abnehmende Konzentrationsfähigkeit durch den massiven Gebrauch von digitalen Medien. Daran anschließende Fragen bearbeitet Rose allerdings nicht: Etwa, ob die digitale Kommunikation in die Welt der Mündlichkeit zurück- oder im Gegenteil noch weiter von ihr wegführen wird, weil Kommunikation im Zeichen der Pseudomündlichkeit noch unpersönlicher gerät.
Er legt den Fokus eher auf die Funktion, die Medienkritik in ihrer jeweiligen gesellschaftlichen Umgebung spielt. Dabei fällt auf, dass Medienkritik strukturell immer eine paradoxe Angelegenheit ist. Schon im Fall des Sokrates ist es ja Platons Entscheidung, seine Dialoge niederzuschreiben, die dazu führte, dass wir heute über die sokratische Klage über die Gefahren der Schrift Bescheid wissen. Auch Rousseau ist ein Autor, dessen Zivilisationskritik sich genau wie die Schriftskepsis Herders in einer voll ausgebildeten Schriftkultur vollzieht; der Ort der Poesie, befand der Weimarer Klassiker, sei weder "in Buchläden" noch "auf den Lumpen unseres Papiers" zu finden, "sondern im Ohr und im Herzen lebendiger Sänger und Hörer". Das sagte er selbst freilich auf den "Lumpen unseres Papiers".
Wenn man diese Linie weiterführt, muss man zu dem Befund kommen, dass nur eine auf Social Media geführte Kritik an den heutigen "Verblendungszusammenhängen" ihr Publikum erreicht. Positiv gewendet: Gute Medienkritik ist immer dialektisch. Sie kritisiert, was sie selbst nutzt. Das war bei den Verfechtern der mündlichen Vortragskunst nicht anders als in den medienkritischen Romanen von Honoré de Balzac oder von Guy de Maupassant oder bei Karl Kraus, der mit der sprachkritischen "Fackel" ein Gegenmedium im Zeitungsdickicht seiner Zeit gründete. Ebendort wünschte er sich paradoxerweise, "daß die Presse aufhöre, zu sein".
Dirk Rose unterscheidet in seinem Buch reine Medienkritik von Kulturkritik, die mit Adorno und Horkheimer einen Höhepunkt erreichte, in der postmodernen und jetzt der plattformkapitalistischen Welt aber auf einem historischen Bedeutungstiefpunkt dümpelt. Medienkritik hingegen erfreut sich auch weiterhin großer Beliebtheit. Allerdings nicht immer von der "richtigen Seite". Denn auch das, was Corona-Leugner oder Pegida-Demonstranten so über die von ihnen als Mainstream herabgewürdigten Traditionsmedien sagen, über die sogenannte "Systempresse", ist Medienkritik. Sie hat ihre Wurzeln im Glossar der nationalsozialistischen Pressekritik, die zur Gleichschaltung der medialen Öffentlichkeit geführt hatte.
Man könnte viel zitieren aus dieser reichen Materialsammlung von Dirk Rose. Am Ende ist diese "Theorie und Geschichte" der Medienkritik aber ein Buch, das sein Thema zwar von allen möglichen Seiten beleuchtet, in seinen Befunden aber vage bleibt: "So stellt sich einer weitgehend durchmediatisierten Gesellschaft am Ende nicht mehr die Frage: Welche Medien wollen wir nutzen? Sie ist inzwischen abgelöst von der Frage, die am Anfang der Mediengeschichte, in Platons Dialog "Phaidros", als zentrale Problemstellung für einen medienkritischen Diskurs formuliert worden ist, obwohl sie auf den ersten Blick wenig mit ihm gemein hat: Wie wollen wir leben?"
Die kippenden kommunikativen Standards der alten Buchkultur, aber auch jene der öffentlichen Rede zwingen uns, diese Frage ernst zu nehmen. Aber eine Antwort hat das Buch nicht wirklich zu bieten. Es sollten ja nicht nur Medienwissenschaftler sein, die sich darum kümmern, sondern eine durch Medien hergestellte, breite Öffentlichkeit. Doch auch diese muss innerhalb der Grenzen operieren, die ihr ihre Medien setzen. KATHARINA TEUTSCH
Dirk Rose: "Medienkritik". Theorie und Geschichte.
Wallstein Verlag, Göttingen 2025. 208 S., Abb., br.
Alle Rechte vorbehalten. © Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt am Main.Es wurden noch keine Bewertungen abgegeben. Schreiben Sie die erste Bewertung zu "Medienkritik - Theorie und Geschichte" und helfen Sie damit anderen bei der Kaufentscheidung.