Lesenswerter Klassiker!
Nachdem ich schon zwei Geschichten von Dürrenmatt gelesen hatte, die auf etwas zähe Weise das Thema "Schuld" umkreisten und beleuchteten, faszinierte mich "die Dame" gleich auf den ersten Seiten mit ihrem besonderen Humor und Ideenreichtum. Denn es ist kein banaler Humor, der in den knappen, bündigen Worten bzw. Dialogen steckt. Wahrscheinlich kommen in dieser Bühnenstückform die Gedanken des Autors erst so richtig zur Geltung: eindrücklich, bildhaft, doppelbödig, intelligent, eigenwillig. Zu Beginn des Buches bereiten sich die Einwohner eines heruntergekommenen Dorfes auf den Besuch einer (allgemein und für sie im Besonderen) wichtig gewordenen, ehemaligen Bewohnerin vor. Aber diese Dame, mittlerweile Milliardärin mit diversen Bediensteten im Gefolge, verfolgt ein eigenes hohes Ziel. Denn 1910 wurde ihr als junges Mädchen Unrecht getan. Bald bleibt einem das Lachen über den Wortwitz im Halse stecken - denn es wird todernst. Aber der Witz bleibt. Über die kleine Geschichte selbst und ihre zeitlosen Themen (z. B. Moral, Egoismus, Rache, die Presse, Heiligt der Zweck alle Mittel?) kann man sicherlich viel fachsimpeln und interpretieren. Ich habe mich bis zum Schluss über den Schreibstil gefreut und würde hoffen, einmal auf der Bühne eine eng am Buch liegende Aufführung sehen zu können. Dass Dürrenmatt selbst das Stück als "Komödie" sah und die Personen wären, "wie sie sind" (stehen also für sich), finde ich umso sympathischer. Im Anhang findet sich eine Art Glossar ("Randnotizen" genannt). Auch diese sind für sich genommen noch einmal ein Lesevergnügen. Diesen Klassiker kann ich also nur empfehlen, wenn man Dürrenmatt versuchen möchte. Das kurze Buch liest sich schnell und vergnüglich.