REZENSION Das farbenprächtige Titelbild des im März im Verlag litradukt veröffentlichten Kurzromans Erschütterungen des haitianischen Schriftstellers Gary Victor (67), eines der meistgelesenen Autoren seines kleinen karibischen Inselstaats, täuscht gewaltig. Allenfalls die nur unscharf erkennbaren fliehenden Gestalten vor einer kleinen Kirche lassen vielleicht anderes erwarten. Die nur 90-seitige Erzählung ist ganz im Gegensatz zur gezeigten Farbenpracht ein düsterer Kriminalroman, wobei die actionreiche Handlung um die Lösung mehrerer Mordfälle für den Autor nur Mittel zum Zweck ist. Denn vorrangig geht es ihm um die Schilderung des alltäglichen Lebens in Haiti, um die sozialen Spannungen und die Herrschaft einer korrupten Elite aus Politikern und mafiösen Gangs in seinem krisengeschüttelten Land, das von unerträglicher Armut, politischer Instabilität und historischen Traumata geprägt ist und das sich auch zehn Jahre nach dem gewaltigen Erdbeben im Jahr 2010 von dessen zerstörenden Erschütterungen immer noch nicht erholt hat.
Der wegen seiner Skrupellosigkeit und Brutalität gefürchtete Inspektor der Police Nationale dHaïti in Port-au-Prince, Dieuswalwe Azémar, der Gewalttäter durch gezielten Kopfschuss hinrichtet, statt sie der ohnehin korrupten Justiz zuzuführen, wird gerufen, als ein Mordopfer auf einer Müllhalde gefunden wird. Das Opfer ist die 15-jährige Mikayida, Tochter seiner Freundin Mirlène, weshalb Azémar noch entschlossener als sonst ist, die Täter zu fassen. Wie sich bald herausstellt, ist Mikayida das Opfer eines satanistisches Rituals. Zwei weitere Mädchen und ein schwuler Junge werden ermordet aufgefunden. Azémars erbarmungslose Jagd beginnt. Doch in dem kleinen Land voller Korruption und Gewalt wird er bald selbst zum Gejagten, zumal er wegen seiner Unbestechlichkeit schon längst sowohl bei Gangstern als auch machthungrigen Politikern auf der Abschussliste steht. Aber wer wie Azémar schon mit einem Fuß im Sarg steht, fürchtet den Tod nicht mehr.
Erschütterungen ist kein Krimi, wie wir ihn von westlichen Autoren kennen und soll es nach dem Willen des Autors auch nicht sein. Während Gary Victor seine anderen Romane auf Französisch geschrieben hat, hat er diesen bewusst auf Kreolisch verfasst, dringt er in der Romanhandlung doch noch tiefer in die jahrhundertealte Tradition und Kultur seines Landes ein, indem er aufzeigt, welchen Einfluss der Jahrhunderte überdauerte Glaube an den Voodoo-Zauber, der für Anhänger eigentlich eine Heilungs- und Schutzreligion ist, von anderen aber als dämonischer, satanistischer Kult missverstanden wird, noch heute auf das Leben der Haitianer hat.
Durch den spannenden Krimi von Gary Victor erhalten wir, die wir nur oberflächlich informiert sind, allenfalls von der Armut im Land wissen und damals vom Erdbeben gehört haben, sonst aber kaum etwas über Haiti aus den Medien erfahren, einen tieferen Einblick in die soziallen Zusammenhänge und Spannungen des karibischen Inselstaats. Die Hauptfigur des Selbstjustiz ausübenden und reichlich Alkohol trinkenden Inspektors mag aus unserer europäischen Sicht vielleicht allzu überzogen sein, doch passt sie in das geschilderte Milieu. Außerdem ist es interessant, einmal einen haitianischen Krimi kennenzulernen, der darüberhinaus uns viel über die Situation in einem uns unbekannten Land erzählt.