Abenteuerlich, interessant, unterhaltsam und nachdenklich stimmend ¿ ein besonderes Buch, das in Erinnerung bleibt.
Inhalt:1944 gelingt den österreichischen Abenteurern Heinrich Harrer und Peter Aufschnaiter die Flucht aus einem indischen Internierungslager und sie schlagen sich zu Fuß nach Tibet durch. Am Ende einer langen und beschwerlichen Reise gelingt es ihnen die "verbotene Stadt" Lhasa zu erreichen, die zu diesem Zeitpunkt kaum ein Europäer betreten hatte. Dort lernt Heinrich Harrer schließlich sogar den Dalai Lama kennen und die beiden werden Freunde...Wo immer ich auch leben werde, die Sehnsucht nach diesem Land wird mich begleiten. (S. 417)Wir schauen und schauen und können es nicht fassen, dass wir mitten in der "Verbotenen Stadt" sind. Es gelingt mir heute nicht mehr, die richtigen Worte zu finden für das, was ich damals sah und empfand. Wir waren überwältigt. (S. 162)Meine Meinung:Ich bin froh, dass ich mich doch noch getraut habe diesem Buch eine Chance zu geben! Obwohl ich so gut wie gar nichts über Tibet wusste und fast nie Biografien bzw. Tatsachenberichte lese hat es dieses Buch geschafft mich zu begeistern. Es liest sich wie ein spannender, interessanter, stellenweise auch dramatischer Abenteuerroman und vermittelt einem nebenbei eine Menge Wissen über Tibet, seine Bewohner, die Religion und die Kultur. Die Tatsache, dass das alles wirklich passiert ist macht alles umso beeindruckender und interessanter. Die Beschreibungen von Land und Leuten sind sehr atmosphärisch und lassen das Tibet vergangener Zeiten richtig lebendig werden.Es hat mich überrascht, dass Harrer nicht "nur" von seiner Zeit in Lhasa und seinen Treffen mit dem Dalai Lama erzählt. Zunächst erfährt man wie unglaublich beschwerlich die Reise bis dorthin gewesen ist und damit hat mich das Buch direkt in seinen Bann gezogen. Harrer und Aufschnaiter waren nämlich rund zwei Jahre lang zu Fuß in Tibet unterwegs ehe sie endlich in Lhase ankamen und das unter Umständen, die heutzutage sogar noch abenteuerlicher und unvorstellbarer wirken als sie es damals ohnehin schon gewesen sind: Die beiden konnten kaum ein Wort Tibetisch sprechen und verfügten bloß über eine selbst abgezeichnete und entsprechend ungenaue Landkarte. Zudem hatten sie nur wenige Nahrungsmittelvorräte, kaum Ausrüstung und ihre Schuhe und Bekleidung waren für ihr Vorhaben alles andere als geeignet.Es wird sehr eindringlich und anschaulich beschrieben welchen großen physischen aber auch psychischen Strapazen und Entbehrungen die beiden ausgesetzt waren. Es galt Tausende von Höhenmetern zu überwinden, gewaltige Temperaturschwankungen durchzustehen (sonniges Temperatur bis hin zu - 30°C), extreme Wetterumschwünge auszuhalten. Hinzu kamen Probleme mit der Höhenkrankheit und sie mussten sich vor Räubern sowie vor wilden Tieren (u.a. Bären) in Acht nehmen. Von all dem zu lesen hat in mir noch viel mehr Respekt und Bewunderung für ihre Leistung und ihr Durchhaltevermögen aufkommen lassen. Außerdem fand ich es heftig, dass die beiden auf ihrem langen Weg kaum etwas vom Weltgeschehen mitbekamen und erst bei ihrer Ankunft in Lhasa (als sie endlich mal wieder eine Zeitung in die Hände bekamen) Näheres über den Verlauf und das Ende des Zweiten Weltkriegs erfuhren.Es entsteht beim Lesen ein richtig lebendiges Bild vom Lhasa vergangener Zeiten. Es gab noch keinen Strom, geheizt wurde mit Yakmist und die Menschen hatten einen anderen Begriff von Zeit als heutzutage. Man erfährt eine Menge interessante, unterhaltsame, teils skurrile, faszinierende und geheimnisvolle Dinge über die tibetische Kultur. So z. B. über Staatsorakel, Prophezeiungen, Himmelsbestattungen, religiöse Feiertage und Bräuche, Polygamie und Polyandrie, Wettermacher etc.Harrers große Liebe zu diesem Land und seinen Bewohnern ist auf jeder Seite spürbar. Es ist einfach schön zu lesen wieviel Freundlichkeit, Toleranz und Gastfreundschaft ihm die Tibeter entgegengebracht haben. Außerdem ist es sehr berührend wie Harrer und Aufschnaiter in Lhasa ein zweites Zuhause fanden und wie Freundschaften zwischen ihnen und den Tibetern entstanden. Sie lernten die Sprache und die Sitten der Tibeter und hatten ein ehrliches Interesse Land und Leute kennenzulernen. Im Gegenzug waren die Tibeter neugierig von den beiden etwas über die westliche Welt zu erfahren.Viele Stellen haben mich zum Lächeln gebracht, weil manchmal auf unterhaltsame und süße Weise Welten aufeinanderprallen. So bringt Harrer den Tibetern z. B. das Schlittschuhlaufen bei und die sind zunächst völlig verblüfft, dass sich jemand freiwillig Messer unter die Schuhe bindet um damit aufs Eis zu gehen. Auch die Tradition zu Weihnachten einen geschmückten Baum ins Haus zu stellen und Geschenke darunterzulegen sorgt bei den Tibetern für Verwunderung und Aufheiterung. Umgekehrt hat Harrer zunächst so seine Probleme damit sich mit dem tibetischen Nationalgetränk Buttertee anzufreunden, dessen Geschmack für seinen europäischen Gaumen mehr als gewöhnungsbedürftig ist. Außerdem erheitert es ihn, dass bei Erdabreiten ständig Unterbrechungen stattfinden, weil Insekten (wegen dem buddhistischen Glauben an die Wiedergeburt) gerettet werden müssen und dadurch solche Arbeiten eine Ewigkeit dauern.Ein Herzstück des Buches ist natürlich wie Harrer dem Dalai Lama begegnet ist. Das ist vor allem interessant, weil es sich bei diesem Dalai Lama um den derzeit noch immer amtierenden und inzwischen 90-jährigen Dalai Lama handelt, den Harrer kennenlernte als dieser noch im Jugendalter war. Ich fand es sehr überraschend und unterhaltsam, dass der allererste Kontakt zwischen den beiden dadurch entstand, dass der Dalai Lama ihn darum bat für ihn Filmaufnahmen vom Alltag in Lhasa anzufertigen (u. a. vom Schlittschuhlaufen, das Harrer den Tibetern zeigte) und ihm einen Filmvorführraum zu bauen, weil es ihm nur in Ausnahmefällen gestattet war den Palast zu verlassen.Es wird toll beschrieben wie sich Harrer und der Dalai Lama kennenlernten und es ist richtig schön zu erfahren wie die beiden allmählich Freunde wurden. Harrer lernte den Dalai Lama als sehr herzlichen, intelligenten, wissbegierigen und weltoffenen Jungen kennen, der viel erwachsener wirkte als man es von jemandem seines Alters erwartet hätte. Es sprudelten eine Menge Fragen über die westliche Welt aus ihm heraus und Harrer war beeindruckt wieviel Wissen er sich bereits aus eigener Initiative durch Bücher und Zeitungen angeeignet hatte (z. B. über Technik und Weltgeschichte). Die beiden begann sich regelmäßig zu treffen und lernten u. a. zusammen Englisch. Während Harrer dem Dalai Lama viel über die westliche Welt beibrachte erfuhrt er im Gegenzug viel über die tibetische Geschichte und Kultur sowie über den Buddhismus.Neben den vielen positiven Seiten des Lebens in Tibet erfährt man aber auch von den Schattenseiten. So gab es keine richtigen Ärzte, sondern nur Mönche, die auf sehr fragwürde Heilmethoden setzten (z. B. Astrologie und Diagnosen anhand des Fühlen des Pulses). Zudem gab weder Chirurgie noch Geburtshilfe. Die sanitären Zustände waren alles andere als gut und im Justizsystem war Bestechung weitverbreitet.Leider wird es am Ende des Buches letztlich sehr traurig und die geschilderten Geschehnisse gehen einem sehr nahe und machen betroffen. Es ist ja bekannt, dass China im Jahre 1950 in Tibet einmarschiert ist und blutige Kämpfe folgten denen unzählige Menschen zum Opfer gefallen sind. Zudem musste der Dalai Lama das Land verlassen und er ist bis heute gezwungen im Exil zu leben. Viele Tibeter und auch Harrer und Aufschnaiter sahen sich gezwungen ihre zweite Heimat hinter sich zu lassen. Es kam vielfach zu Verletzungen des Völkerrechts und der Menschenwürde. Außerdem wurde systematisch versucht die tibetische Kultur zu zerstören. Tibets Bevölkerung ist Schreckliches widerfahren: Plünderungen, Hinrichtungen, Zwangsarbeit, Deportationen, Umerziehungslager...1,2 Millionen Tibeter verloren ihr Leben, und von den 600 Sakralbauten wurden 99 Prozent zerstört. (S. 434)Die Zerstörung Tibets wird auch nach fast 40 Jahren Besetzung fortgesetzt. Von meinem alten Lhasa blieben vielleicht noch zwei Prozent erhalten. Lhasa ist eine chinesische Stadt geworden [...]. Jahrzehnte der Zerstörung, Unterdrückung, Sterilisation, des Genozids und politischer Indoktrination - all das konnte den Willen der Tibeter zur Freiheit nicht brechen. Ihr Glaube und die Verehrung für ihren Dalai Lama ist ungebrochen. (S. 437/438)Ganz am Ende des Buches ist ein schönes Foto abgedruckt, das zu Herzen geht. Darauf sind der Dalai Lama und Heinrich Harrer gemeinsam zu sehen und zwar als beide bereits alte Männer waren. Das zeigt, dass sie über all die Jahrzehnte befreundet geblieben sind und wie der Zufall es will haben auch noch beide am 6. Juli Geburtstag! Fazit:Ich hätte nicht gedacht, dass mich dieses Buch so in seinen Bann ziehen würde. Es ist unterhaltsam, interessant, regt zum Nachdenken an und es ist ein Buch, das einem auf jeden Fall in Erinnerung bleibt. Heinrich Harrer schreibt am Ende des Buches Folgendes:Es ist mein großer Wunsch, mit diesem Buch ein wenig Sympathie und Verständnis zu wecken für ein Volk, dessen Wille, in Freiheit und Frieden leben zu dürfen, in der Welt bisher so wenig Beachtung gefunden hat. (S. 418)Das hat er bei mir auf jeden Fall geschafft!Hier noch ein schönes Zitat des Dalai Lama über seine Freundschaft zu Heinrich Harrer:Der Dalai Lama sagte einmal: "Heinrich Harrer war einer von uns geworden und jetzt, wo wir älter geworden sind, erinnern wir uns an die glücklichen Tage, die wir zusammen in einem freien Land gelebt haben." (S. 433)Zum Schluss noch ein Tipp:Im Internet findet man freizugänglich einige tolle Videos von Interviews mit Heinrich Harrer. Da erzählt er nicht nur von seiner Zeit in Tibet, sondern auch ein paar unterhaltsame Anekdoten. So hat er z.B. anlässlich der Verfilmung seines Buches Brad Pitt getroffen, der ihn im Film spielt. Die besagte Verfilmung ist eine tolle Ergänzung zum Buch.