"Vielleicht liegt die Wurzel unserer Misere, der menschlichen Misere darin, dass wir die ganze Schönheit unseres Lebens opfern, uns von Totems, Tabus, Kreuzen, Blutopfern, Kirchtürmen, Moscheen, Rassen, Armeen, Flaggen und Nationen einsperren lassen, um die Tatsache des Todes zu leugnen, die einzige Tatsache, die wir haben."Lange habe ich überlegt, ob ich, anlässlich seines 100. Geburtstags, etwas über das Werk von James Baldwin schreiben soll. Es gibt einige Bücher von ihm, die mir sehr nah sind und zugleich kam es mir lange vermessen vor, diese Nähe zu benennen, zu behaupten. Denn was sollten James Baldwin und ich schon gemein haben? Wie könnte ich, ein weißer Mann aus Deutschland, sagen: Ich fühle mich diesen Büchern und ihren Themen nah, wo sie doch Baldwins Wirklichkeit entstammen, die eine ganze andere war als meine? Es gibt eine Antwort darauf, von Baldwin selbst - sie steht in diesem Essay aus dem Jahr 1963.In "The fire next time" bildet er die damalige (und in Teilen auch heutige) gesellschaftliche Wirklichkeit, das Lebensgefühl vieler Afroamerikaner*innen ab. Jedoch geht seine Analyse viel tiefer, benennt nicht nur die unmittelbaren Folgen und Mechanismen des tiefsitzenden Rassismus, sondern sucht die Wurzel des Konflikts. Ist Rassismus einfach nur Hass? Fremdenangst, verdrängte Furcht vor Rache? Oder, und hier setzt Baldwin an: ist er eine Vermeidungsstrategie?Die USA und viele Länder Europas haben nie die volle Verantwortung für ihren Kolonialismus, die Ausbeutungen und Einmischungen, die Genozide und Verschleppungen übernommen; statt Demut schwingen nach wie vor Überheblichkeit und Abfälligkeit das Zepter. (Bsp.: Zwar sagt man heute Entwicklungsländer statt Dritte Welt - aber inwiefern ist das weniger herablassend? Als wären die Länder noch nicht vollständig, solange sie nicht einen westlichen Standard erreicht hätten... ). Die Hypothek dieser fehlenden Verantwortung lastet schwer auf der Welt, schwer auf den Opfern, aber - und das ist das Bedeutsame, das Baldwin das benennt - auch auf den Tätern. Obwohl wir alle Menschen sind, haben wir uns in zahllose Konflikte verrannt (bspw. auch solche wie den "Geschlechterkampf", die Kämpfe der Religionen, die Rivalität der Nationen, etc. ). Und all das nur, damit wir uns Trugbildern von Sicherheit, Größe und Überlegenheit hingeben können (die überhaupt nichts bedeuten), aus denen wir dann Ansprüche auf Privilegien ableiten, die entweder alle Menschen haben sollten oder keine*r (je nachdem, was möglich ist/wäre).Die Wucht dieser, eigentlich offensichtlichen Wahrheit, hat etwas Unerbittliches und zugleich Zärtliches, wenn sie von Baldwin vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen und seiner Analyse des Rassenkonflikts formuliert wird. Deswegen erreicht mich seine Literatur, ist sie mir so nah: weil sie, obwohl sie sich der verschiedenen Identitäten von Menschen bewusst ist und sie abbildet, nicht allein in diesen verhaftet bleibt. Sie geht und weist darüber hinaus. Nicht in einem schalen versöhnlichen Sinne, sondern im Wissen um die existenzialistische Wirklichkeit, die allem zugrunde liegt, was wir Menschen errichtet haben, diese zu verdecken. Das macht aber nicht frei, das erschafft Gefängnisse, in dene viele sich freiwillig selbst einsperren. Dazu noch ein Zitat von Baldwin:"Die Verantwortung freier Menschen liegt darin, den Konstanten des Lebens zu trauen und sie zu feiern - Geburt, Kampf und Tod sind Konstanten genau wie die Liebe, auch wenn uns das nicht immer so scheinen mag - und das Wesen von Veränderung zu erfassen, zur Veränderung fähig und bereit zu sein. Damit meine ich nicht oberflächliche, sondern tief greifende Veränderung - Veränderung im Sinne von Erneuerung. Erneuerung wird aber unmöglich, wenn man von Konstanten ausgeht, die keine sind - Sicherheit zum Beispiel oder Geld und Macht. Dann klammert man sich an Chimären, von denen man nur betrogen werden kann, und die ganze Hoffnung auf Freiheit - ihre ganze Möglichkeit - verschwindet. Und mit Zerstörung meine ich genau den Verzicht der Amerikaner auf jegliches Bemühen, wirklich frei zu sein."