Geniales Gesellschaftsporträt
Als "Pineapple Street" vor zwei Jahren erschien, hatte ich gleich das Gefühl, dass mir dieser Roman gut gefallen würde, aber man kennt es ja: Too many books, too little time.Die neue Taschenbuchausgabe war nun für mich das Signal, mich dieses Buches doch endlich anzunehmen, und tatsächlich waren wir ein perfect match.Die Geschichte ist aus den drei Perspektiven der Stockton-Töchter Darley und Georgiana sowie deren Schwägerin Sasha erzählt und die letztere Sichtweise wurde mir schnell die liebste. Genau genommen ist der Begriff Geschichte auch nur ein Teil der Wahrheit, denn der Roman ist in erster Linie ein Gesellschaftsporträt. Das sogenannte "Old Money" feiert sich selbst, während die eingeheiratete Sasha als Goldgräberin verspottet wird. Im Mittelpunkt steht das ehemalige Familienhaus der Stocktons in der titelgebenden Pineapple Street, in das Sohn Cord und Sasha gezogen sind, doch für Sasha fühlt es sich an wie Eingesperrtsein in einem Kuriositätenkabinett.Gutes wird getan, aber vor allem wenn es publikumswirksam und genehm ist, und vor allem zelebriert die Oberklasse ihre Eigeninszenierung. Das war beim Lesen ein geradezu diebisches Vergnügen. Ich mochte die feinen Sticheleien, ironischen und teils bissigen Kommentare.Dieser Roman wird getragen von starken weiblichen Charakteren - anfangs aus der Distanz als Sittengemälde, doch im Verlauf immer mehr gebunden an die Personen, ihre Selbstreflektion und Weiterentwicklung.Mich hat der Roman voll und ganz überzeugt, ich habe ihn mit dem allergrößten Vergnügen gelesen.Eine Sache wäre da aber noch: Das deutsche Cover inszeniert eine Orange als Bild der Orange Street, in welche die Stockton-Eltern gezogen sind. Das finde ich recht irritierend in Verbindung mit dem Titel Pineapple Street. Wesentlich besser gefällt mir das amerikanische Cover, auf dem ein herrlich mit Antiquitäten und Kitsch vollgestelltes Zimmer des Anwesens abgebildet ist.