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Kopf oder Zahl, Die Poesie des Geldes

Die Poesie des Geldes. 'edition suhrkamp'. Neuauflage.
Taschenbuch
Geld ist eines der zentralen, aber auch eines der bislang am wenigsten beachteten Themen der neuzeitlichen Literatur. Genannt seien nur Werke wie Der Kaufmann von Venedig, Minna von Barnhelm, Nathan der Weise, Wilhelm Meister, Faust II, Peter Schlemi … weiterlesen
Taschenbuch

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Produktdetails

Titel: Kopf oder Zahl, Die Poesie des Geldes
Autor/en: Jochen Hörisch

ISBN: 3518119982
EAN: 9783518119983
Die Poesie des Geldes.
'edition suhrkamp'.
Neuauflage.
Suhrkamp

1. Februar 2011 - kartoniert - 368 Seiten

Beschreibung

Geld ist eines der zentralen, aber auch eines der bislang am wenigsten beachteten Themen der neuzeitlichen Literatur. Genannt seien nur Werke wie Der Kaufmann von Venedig, Minna von Barnhelm, Nathan der Weise, Wilhelm Meister, Faust II, Peter Schlemihl, Geld und Geist, Soll und Haben, Madame Bovary, Der Spieler, Die Buddenbrooks, Königliche Hoheit, Im Schlaraffenland oder Die Falschmünzer. Jochen Hörisch liest diese und viele andere Werke in kulturhistorischer Absicht.

Portrait

Jochen Hörisch, geboren 1951, ist Professor für Neuere Germanistik und Medienanalyse an der Universität Mannheim.

Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung vom 14.10.1996

Die etwas andere Oblate
Kopf oder Zahl? Jochen Hörisch betrachtet das Geld als Philanthrop

Was ist (fast) so schön wie Geld haben? Mit Jochen Hörisch über Geld nachdenken und sich von seinem Überfluß, der sonst nur in archaischen Gesellschaften (nach deren Selbstverständnis) herrscht, beschenken lassen. Der doppelte Genitivus in Poesie des Geldes zielt zum einen auf den synthesisstiftenden poetischen Wert des Geldes selbst und zum anderen auf den Umgang mit Geld in der Literatur. Seine Beispiele stellt der Literaturwissenschaftler Hörisch in einen geschichtsphilosophischen Rahmen: Abendmahlszeitalter, Geldzeitalter, Medienzeitalter; eins setzt sich aufs andere. Geld löst nicht das Abendmahl, die audiovisuellen Medien lösen nicht das Geld ab, sondern es handelt sich um Transformationen der jeweiligen Konvertibilität, in denen das Alte nachträglich als Allegorie des Neuen aufbewahrt bleibt.

Hörisch fischt nicht in fremden Gewässern, sondern läßt sich sein Metier durch sein Thema vorgeben und entdeckt dabei, daß die Literatur der Neuzeit viel stärker vom Thema Geld bestimmt ist, als die herkömmliche Geisteswissenschaft wahrhaben will, über deren "angestrengtes Desinteresse am schnöden Mammon" er zwar in homerisches Gelächter ausbricht, für das er jedoch auch Verständnis hat: "Deutsche Literaturwissenschaftler sind in der Regel beamtet. Geld stellt sich bei ihnen, wenn nicht in einer Höhe, so doch mit einer Regelmäßigkeit und Verläßlichkeit ein, die zu neugierigen Problematisierungen wenig Anlaß gibt." Und so ist ihnen, anders als den Dichtern, das "Projekt der Moderne: zählen statt erzählen, digitalisieren statt analogisieren" entgangen.

Auch das kann Hörisch verstehen, denn: "Es ist doch seltsam", sagt er mit Schlemihl, "daß sich in der Moderne der ärmste Basistext und Code (zahlen/nichtzahlen) als der funktional erfolgreichste etablieren konnte. An die Stelle der Aurea catena Homeri oder der heitren blumenreichen Kette, die durch das ganze Universum hängt, ist ,Die goldene Eins' getreten. ,Es gibt', was es im TV- oder PC-Monitor zu sehen gibt."

Er läßt uns das Kinderspiel "Kopf oder Zahl" spielen, ohne zu unterschlagen, daß die beiden Seiten der Medaille zusammengehören: Legalität statt Legitimität, Funktionalität statt Transzendenz und Substantialität, Selbstreferenz statt Referenz auf das andere, dauerhafter Wechsel statt Dauerhaftigkeit: "Das ist die Erfolgsmaxime und zugleich die Zumutung der Neuzeit", schreibt er, "im Geld findet diese Ambivalenz, finden diese beiden Seiten einer Medaille ihre Inkarnation." Das ist einer der Schlüsselsätze, der den Leser durch die Untersuchungen dirigiert. Das Kind kann spielerisch mit Kopf oder Zahl verfahren, in Wirklichkeit ist die Münze aber eine runde Sache: beides legitimiert sich gegenseitig.

Daß die Ambivalenz der Medaille inkarniert wird, macht die Geldtauglichkeit für die Poesie aus, bedeutet die Poesie des Geldes und ist zugleich der Prüfstein darauf, ob es zu bloßen Angriffen auf das Geld kommt, die es "verteufeln" (von frühneuzeitlichen bis zu Ezra Pounds Attacken auf den Wucher), oder ob es tatsächlich als Transsubstantiationsmedium fungiert. Damit holt Hörisch die alte Fragestellung der Literatur, wie Psyche und Ökonomie miteinander verbunden sind, in die heutige Theoriediskussion herein, die sehr oft keine Vergangenheitsdimension und erst recht keine literarische Dimension hat. Die Affinitäten und Differenzen zwischen Geld und Dichtung bringen ihn zu dem Schluß, daß Dichtung der große Aufklärungshelfer sei: Überall dort, wo gesellschaftliche Umbrüche stattfinden, gibt es ein Medium, das sie sorgfältig beobachtet, sie beschreibt und sich schließlich gegen die Idee zur Wehr setzt, daß damit die Existenzprobleme gelöst sein sollen. Dies Medium ist die Dichtung.

An keiner Stelle gerät Hörisch in Versuchung, die Literatur unter den ihm wichtigen Gesichtspunkten derart auszusaugen, daß von ihren vielen Dimensionen nicht viel übrigbliebe. Literatur wird von ihm nicht als Trendsensorium, nicht bloß als Transformator gesellschaftlicher Umwälzungen begriffen. Räumt das Geld mit dem, wie Adorno sagen würde, "Nichtidentischen" durch die binäre Codierung - zahlen oder nicht zahlen - völlig auf, so macht sich die Literatur für das Nichtidentische stark, indem sie auf den nichtcodierten, nichtintegrierten Einzelheiten besteht.

Dabei ist Hörisch keineswegs ein Brüderchen von Sloterdijk und ähnlichen Untergangsphilosophen, die immer noch mit dem Ernst Jünger der späten zwanziger Jahre am gleichen Glaubensfaden hängen, da sie die totale Mobilmachung "im Namen einer nahtlosen Übereinstimmung zwischen Realem und Symbolischem" für die geschichtsphilosophische Wahrheit des Zeitalters halten. Hörisch ist kein Anhänger dieser Ideologie der Ideologielosigkeit. Gleichwohl läßt er ihre Formen zu - darin unterscheidet er sich von Dracula, den er einen Modernitätsverweigerer nennt, weil er sich nach warmem Blut und brauner Erde sehnt.

Da ist Hörisch der "Ungeist des Sekundären" schon lieber. Dem kann er etwas abgewinnen, nicht aber den Fundamentalisten jeglicher Couleur: "Vom Mullah über den fromm gewordenen Schriftsteller bis zum Professor in Genf und Cambridge erschallt ein Ruf wie Donnerhall, der nach der Überwindung alles Sekundären verlangt. Sollte er erhört werden, dürfte uns das sehr teuer zu stehen kommen." Kulturkritik im banalen Sinne bringt uns nicht weiter. So hält Hörisch die Spannung zwischen der Kritik an der Armseligkeit der Geldcodierung und der Lust auf den Reichtum der Phantasmatik, die auf dieser binären Codierung begründet wird.

Aber was haben nun Hostie, Geld und neue Medien gemein? Zunächst einmal ihre Unausweichlichkeit. Erst konnte man dem Geist der Transsubstantiation nicht entgehen; als diese nicht mehr verbindlich war, trat die Geldtranssubstantiation an ihre Stelle; und heute kann man den neuen Medien nicht entgehen. Hörischs Zauberwort lautet "ontosemiologisch". In den ontosemiologischen Leitmedien werden Sein und Sinn grundsätzlich aufeinander bezogen; sie ermöglichen "Zugriff auf die knappe Ressource Sinn". Der real gewordene Pfingstgeist - "Die Sprache des Geldes macht aus der kairologischen Ausnahme des Pfingstwunders ein säkulares Dauermedium" - kann nun wehen, wo er will. Er webt in Gotthelfs Roman "Geld und Geist" ebenso wie in Kellers "Die Leute von Seldwyla".

Ein magisches Zentrum des Buches im Benjaminschen Sinne ist der Briefwechsel zwischen Theodor Adorno und Walter Benjamin und die erste gründliche Auseinandersetzung mit dem Wirbelpunkt dieser Korrespondenz: Alfred Sohn-Rethels Geldthesen und die "Allegorie als Armatur der Moderne". Jeder Gebildete unter den Verächtern von monetären Überlegungen bezieht sich auf Goethe, und in diesem Zusammenhang darf man Hörischs Faust-Interpretation als wirklich gelungen ansehen. Aber was er über die Romantik und die Buddenbrooks sagt, ist mit genausoviel Nähe und Liebe gearbeitet. Scharf wird gesehen, daß Geld in der Prosaliteratur des neunzehnten Jahrhunderts einen "psychotisch dimensionierten Beziehungswahn zwischen Lebensgeschichten stiftet" (veranschaulicht an "Madame Bovary").

Bei Hörischs großer Sensibilität für Literatur aller Gattungen ist die Textinterpretation zweifellos seine ganz große Stärke. Seine zweite Stärke ist es, in der Luft liegende Sinnverschiebungen ausfindig zu machen, seine vielleicht geringste Stärke ist es, plausible Konstruktionen für das Neue zu entwickeln: Ist die Medienrevolution wirklich so weltumwälzend, wie er vermutet?

Was fehlt bei Hörisch, wo könnte es weitergehen? Daß man in einem Geldbuch kein Antisemitismuskapitel findet, ist wohl ein Manko. Der Übergang von der Hostie zum Geld ist plausibler dargestellt als der vom Geld zu den neuen Medien: An die Stelle der Hostienoblate tritt die Münze, aber was kommt anstelle der Münze? Wenn die globale Informationsexplosion so allgemein ist, wie Hörisch annimmt, dann müßte sie die Funktion der Stiftung von Allgemeinheit übernehmen. Das Papiergeld hat die fehlenden Werte durch Wertsymbole ersetzt, die neuen Medien kommen dem Zustand des materiellen Nichts noch näher; es muß sich also eine neue Symbolik entwickeln, eine Theorie des "Partikelgestöbers". Die ist freilich noch nicht recht abzusehen.

Wenn den alten Codierungen das Fundament entzogen wird, dann ist damit die Frage nach dem Sinn noch nicht erledigt. Das Projekt einer Rekonstruktion des gesamtgesellschaftlichen Zusammenhangs ist nicht dadurch abgeschlossen, daß man eine Phänomenologie des Geldes schreibt. Dann gibt es da noch eine andere Frage: Wie kommt Rationalität in die Geldgesellschaft? Hier muß man zu dem altväterischen Theorem zurückkehren, daß das Gesamtsubjekt die Gesellschaft sei und nicht das Geld, neue Unübersichtlichkeit hin oder her.

Wenn Hörisch sagt, das Geld habe einen homosexuellen Vermehrungstrieb, dann ist das natürlich metaphorisch gemeint, denn Geld vermehrt sich nicht von selbst. Mit Marx muß man sagen: Geldvermehrung ist Wertvermehrung, und Wert ist nicht Geld, sondern eine politisch-ökonomische Kategorie, die mit Arbeit zu tun hat. Diese Einwände würde Hörisch vermutlich teilweise akzeptieren, er muß sie allerdings nicht ernst nehmen, denn es geht ihm nicht um "Letztpositionen"; auch wenn er gern einen Schlüssel zum neuen Weltzeitalter fände, würde er ihn am Ende wieder wegwerfen. Wie er mit leichter Hand die französische Diskussion zu naturalisieren versucht und ein bißchen den Kopf schüttelt über die hysterische Rezeption des Dekonstruktivismus in Deutschland, zeigt er sich durchaus modebewußt, ohne dabei modisch zu sein. Ein Thema, das auch schon sein Hölderlin-Buch "Brot und Wein" beflügelte, ist die Transsubstantiation, die Eucharistie für alle. Hörisch bleibt sich treu; er ist Philanthrop, sein Buch ein menschenfreundliches Buch. CAROLINE NEUBAUR

Jochen Hörisch: "Kopf oder Zahl". Die Poesie des Geldes. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1996. 368 S., br.

© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt.

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