Der Chancellor entfaltet als fingiertes Tagebuch des Passagiers J. R. Kazallon die Katastrophengeschichte eines Handelsschiffes, das auf der Atlantikfahrt Feuer fängt und seine Besatzung in immer radikalere Grenzsituationen treibt. Innerhalb der Voyages extraordinaires nimmt der Roman eine düstere Sonderstellung ein: Vernes präzise nautische Beobachtung, sein nüchterner Berichtsstil und die minutiöse Chronologie verbinden sich mit einer beinahe naturalistischen Studie von Hunger, Angst, Disziplinzerfall und moralischer Prüfung. Jules Verne, 1828 in Nantes geboren, war durch die Hafenwelt seiner Jugend, durch wissenschaftliche Popularliteratur und durch die erzählerische Schule Edgar Allan Poes geprägt. Als Autor des von Hetzel betreuten Zyklus verband er technische Neugier mit geographischer Imagination; in Der Chancellor aber tritt der Fortschrittsoptimismus zurück. Vernes Interesse gilt hier weniger der triumphierenden Maschine als dem Menschen, dessen zivilisatorische Ordnung unter elementarem Druck zerbrechlich wird. Empfohlen sei dieser Roman Leserinnen und Lesern, die Verne nicht nur als Erfinder spektakulärer Abenteuer, sondern als scharfsinnigen Analytiker existenzieller Ausnahmelagen entdecken möchten. Der Chancellor ist beklemmend, präzise komponiert und intellektuell anregend: ein Seeroman, der Unterhaltung mit anthropologischer Tiefenschärfe verbindet.