Ein äußerst verstörendes, ein aufwühlendes, ein außergewöhnliches Buch ...
Ein äußerst verstörendes, ein aufwühlendes, ein außergewöhnliches Buch. Trotz der zunächst als fehlend empfundenen Seiten. Seiten, die einem die beim Lesen entstehenden Gedanken und Gefühle hätten erträglicher machen können: beruhigend, besänftigend, kümmernd - so wie der "große" Bruder im Buch seiner zweijährigen Schwester zur Seite steht. Ein Halt im Meer des Ungewissen. Dieser Halt wird, wenn nicht verweigert, so doch sehr schwer gemacht. Man muss sich schon selber auf die Suche machen, seinen eigenen Erfahrungsschatz bemühen. Allerdings ist man auch froh, zumal wenn man ähnliche Gefühle kennt, hier jemand gefunden zu haben, der diesen Ängsten, diesem Furor einen Ausdruck geben kann.So erzeugt das aktuelle Buch von Juli Zeh nicht nur eine in Teilen fast unerträgliche Spannung, nein, dieses Buch baut auch eine Art (Mit-) Leidensdruck auf, der einen gefangen nehmen, beinahe dematerialisieren kann. Das dadurch initiierte schnellere Lesen (nur schnell weg aus den kaum auszuhaltenden Beschreibungen, den sich überstürzenden Ereignissen) hilft, wenn überhaupt, nur sehr bedingt. Der dadurch ausgelöste Sog droht, im Gegenteil, die Erzählebenen zu verwischen (Monster und ES reichen sich die Hand ...), ist äußerst konfusionierend; Erzählung und eigene Gedanken liegen irgendwann im Widerstreit. Traumatische Erlebnisse des Protagonisten der Geschichte bekommen Kontur, fügen sich in den Jetztzustand ein ("Sein Leben gleicht einer Flucht, er kann nichts zu Ende bringen, hat für nichts richtig Zeit.") - und werfen neue Fragen auf. Wie dies alles in Szene gesetzt wird, ist große Erzählkunst.(20.11.2018)