Liest sich gut, interessante Story, mit einigen Schwächen
Das Buch spielt auf zwei Zeitebenen: Einmal im besetzten Frankreich Anfang der 1940er Jahre und einmal im Düsseldorf des Jahres 1923.In Frankreich begleiten wir Carole, die sich widerwillig in den deutschen Soldaten verliebt, der im Haus ihres Vaters einquartiert wurde.In Düsseldorf ist Louisa die Protagonistin, die nach dem Tod ihrer Mutter eine Pflege für ihren Vater finden muss, zu dem sie aber noch nie ein gutes Verhältnis hatte und der alle nur vor den Kopf stößt.Wie die beiden Zeitebenen miteinander zusammenhängen, sei hier nicht verraten, aber es wird beim Lesen natürlich recht schnell klar, wo da die Verbindung liegt.Insgesamt liest sich das Buch gut und flüssig, ich hatte es innerhalb weniger Tage durch; tatsächlich habe ich mehr auf die Kapitel hingefiebert, die im Heute spielen, weil ich wissen wollte, wie Louisa das Problem mit ihrem Vater löst und gleichzeitig dem Familiengeheimnis weiter auf die Spur kommt, über das sie eher zufällig bei der Familiengeburtstagsrunde gestolpert ist. Dabei konnte ich Louisas Handeln während des Verlaufs der Geschichte absolut nachvollziehen, aber mochte sie manchmal nicht besonders, da sie sehr ichbezogen sein kann, was ihr im Buch auch des öfteren vorgeworfen wird. Genau wie ihr Vater stößt sie Leute oft vor den Kopf und fällt mit der Tür ins Haus, weil SIE etwas jetzt gerade so will, weil für SIE diese Sache jetzt wichtig ist, sie aber nicht merkt, dass das gerade nicht der passende Zeitpunkt ist oder sie die Wünsche von anderen, insbesondere ihres Vaters einfach ignoriert. Als ihr das endlich bewusst wird, benimmt sie sich trotzdem weiter wie der Elefant im Porzellanladen und ich dachte manchmal nur, Mädel, halt doch einfach die Klappe. Aber das war natürlich so gewollt, um ihre Entwicklung zu zeigen. Da ihr Vater ein absolutes Ekel zu allen, aber vor allem zu ihr ist (warum, zeigt sich noch), konnte ich andererseits ihre Frustration absolut verstehen, aber um ihrer Mutter willen, hat sie dennoch weiter versucht, eine Beziehung zu ihm aufzubauen. Trotzdem mochte ich sie wie gesagt nicht.Die Sprache fand ich oft schwülstig und gestelzt. Sie redeten so wie man denken würde, dass Romanfiguren reden sollten. Viele Dialoge hatten nichts Natürliches an sich, sondern klangen belehrend, hochgestochen und zu "literarisch". Eine eigene Sprache hatte keine der Figuren, stattdessen redete jeder mal schwülstig, mal normaler, mal sehr oberlehrerhaft, mal benutzte Louisas Vater Sätze, die meiner Meinung nach nicht zu seinem 80jährigen passten. Die historische Zeitebene war interessant und wesentlich besser geschrieben als die gegenwärtige (hier war das Gestelzte der Sprache beiweitem nicht so schlimm, obwohl man gerade hier erwarten würde, dass die Leute anders reden; ich war mir dafür aber bei einigen Ausdrücken nicht so sicher, die klangen mir etwas zu modern - das müsste ich aber recherchieren, um da ganz sicher zu sein, welche Begriffe man damals schon verwendet hat und welche nicht, aber intuitiv klangen sie mir zu modern), aber man wusste von Anfang an schon, was mit einer bestimmten Figur geschehen würde, daher war das meiste des Plots vorhersehbar, zumindest in einigen Aspekten. Die Geschichte spielt zwar im besetzten Frankreich und die Gräueltaten der Deutschen werden auch erwähnt und von Carole als hilflose Zuschauerin erlebt, aber niemals drastisch. Ja, es gibt ein paar Tote, aber das wird sehr behutsam eingeflochten. Es gibt aber auch Momente der Hoffnung, die dann wiederum in Luisas Zeitebene nochmal wichtig werden. Man hat jedoch immer instinktiv mitgefiebert, wer von den Figuren überlebt, insbesondere, da sowohl Carole als auch ihre Nachbarin im Widerstand aktiv waren. Insgesamt mochte ich Carole als Figur viel lieber als Louisa, sie war wesentlich angenehmer und netter, ihre Handlungen dabei sehr gut nachzuvollziehen. 100 Prozent warm geworden bin ich aber mit keiner der Figuren.Ich als Historikerin und Archivarin fand es sehr gut, dass Luisas Recherche ausführlich erklärt wurde, dass sie sogar die Dienste des Bundesarchivs in Anspruch nahm. Wie wichtig Archive sind, ist in der Öffentlichkeit einfach viel zu wenig präsent, die Leute denken immer nur an das Klischeebild vom verstaubten Keller mit einer einzelnen nackten Glühbirne (die Wirklichkeit könnte nicht verschiedener sein!) und daher finde ich es toll, dass so etwas von Charakteren in Büchern genutzt wird, wenn es um historische Themen geht. Was mir nicht so gefallen hat, war, dass sich die ganze Reise und Suche nach den Wurzeln der Familie relativ schnell schnell aufgelöst hat am Ende. Es wurde im ganzen Buch ein guter Spannungsbogen präsentiert, aber dann löst sich alles auf wenigen Seiten auf. Das fand ich etwas unbefriedigend. Es hat nicht ganz so gestört wie in manch anderen Büchern und Filmen, wo so etwas leider ähnlich passiert, es wirkte nicht allzu gehetzt, aber ein paar mehr Seiten hätte ich mir gewünscht.Ich habe auch nicht ganz verstanden, warum gegen Ende des Buches mehrere Point of View Wechsel stattfinden musste - das passierte zwar am Anfang und am Ende des Buches in der Frankreichzeitebene einige Male und das war dann auch nachvollziehbar und war immer dieselbe Figure, abgesehen von Carole. Aber auf einmal gibt es gegen Ende ein Kapitel, das mir nichts dir nichts in die Kindheit von Louisas Vater eintaucht. Das Kapitel zeigt zwar gut, wie schwer er es hatte, aber das wussten wir eigentlich schon und das Kapitel trägt daher meiner Meinung nach nichts zum Plot bei. Dann hätte man mehr dieser Art Kapitel einstreuen müssen, um die Kindheit des Jungen live mitzuerleben anstatt nur aus kurzen Erwähnungen. So wirkt es wie bestellt und nicht abgeholt, weil es das einzige Kapitel A) in dieser neuen Zeitebene ist (Deutschland in den 1950ern) und B) hier das erste und einzige Mal aus der Sicht von Luisas Vater als Kind berichtet wird. Alle anderen Kapitel sind entweder aus Caroles Sicht oder am Anfang und Ende aus der Sicht der Nachbarin und mütterlichen Freundin von Carole sowie in der heutigen Zeitebene natürlich aus Louisas Sicht (und nur aus Louisas Sicht).Das allerletzte Kapitel, das dann nochmal eine kleine Überraschung parat hielt, auch wenn ich insgeheim bereits darauf gehofft hatte, empfand ich einerseits als zufriedenstellend, weil sich da wie gesagt etwas herausstellt, auf das ich gehofft hatte. Aber andererseits fand ich es unbefriedigend, weil der Leser es zwar nun weiß, die Figuren über diese Offenbarung aber im Dunklen bleiben und auch bleiben werden. Das hat den Erfolg der ganzen Suche nach der Familie irgendwie abgedämpft und erhält einen faden Beigeschmack, weil eben dieses letzte Geheimnis für die Protagonisten ungelüftet bleibt. So spielt wohl das Leben, aber für einen Roman hätte ich mir das anders gewünscht.Alles in allem kann ich das Buch empfehlen, es ist definitiv lesenswert, aber ob ich es persönlich noch einmal lesen würde, weiß ich nicht.