Eine etwas andere Mädchenbande mit Höhen und Tiefen
"Mädchenmeute" von Kirsten Fuchs stand schon seit Jahren, seit eine Vortragende an der Uni davon erzählt hat, auf meinem Merkzettel. Das Buch hat sogar den Deutschen Jugendliteraturpreis 2016 gewonnen, was meine Neugier besonders geweckt hat. Nach Beenden des Buches kann ich nicht mehr als drei Sterne geben: Es gibt viele Elemente, die mich begeistern konnten, aber zwischendurch wollte ich auch mal aufhören zu lesen. Worum geht es? Charlotte ist 15 Jahre alt, sehr schüchtern und auf der Suche nach einer Sommerferienbeschäftigung. Da kommt eine Anzeige in der Zeitung für ein Camp für wilde Mädchen genau richtig. Und so beginnt ein ganz besonderes Abenteuer ... Wir erleben die Geschichte aus der Sicht von Charlotte; sehr subjektive Eindrücke wechseln sich ab mit inneren Monologen, typisch für Teenager. Teilweise teilt Charlotte wirre Gedanken mit uns und oft ist dadurch nicht klar, was überhaupt passiert. Charakteristisch für den Schreibstil sind kurze Sätze, teilweise auch unvollendet. Durch diese Erzählweise hatte ich immer wieder das Gefühl, dass ich es bei Charlotte mit einer unzuverlässigen Erzählerin zu tun habe. Die Geschehnisse im ersten Teil (Das Camp) waren so gruselig und mysteriös geschildert, dass ich nie so genau wusste, was hier eigentlich passiert. Ich hätte auf jeden Fall schon früh versucht, einen Weg nach Hause zu finden ... So war es zu Beginn schwierig, einen Zugang zu finden. Dass es für diese fragmenthaften, mysteriösen Vorkommnisse am Ende tatsächlich eine große überraschende Auflösung gibt, hat mich wieder positiv gestimmt. Ich habe lange gebraucht, die Mädchen und ihre Eigenschaften auseinanderzuhalten. Nur Freigunda (die Mittelalterliche) und Yvette (die Schöne) waren für mich detailliert charakterisiert. Bezüglich Freigunda: Was hier bezüglich Hundeerziehung vermittelt wurde, ist mir sauer aufgestoßen. Das Konzept des Rudelführers und der Dominanztheorie ist veraltet. Einen Hund zu unterdrücken, Bellen verbieten, den Hund beißen ... So erschafft man sich einen gefährlichen Hund, keinen Gefährten. Die Idee, dass alle Mädchen einen Hund passend zu ihrem Charakter haben, der sie im zweiten Teil (Der Wald) begleitet, hat mir gut gefallen und hätte auch ohne Freigundas Taten funktioniert. Besonders interessant war, wie und wo die Mädchen schlafen, was sie essen, wie sich ihre Dynamik ständig ändert, wie sich vor allem Charlotte ändert: vom Mädchen, das nie selbst ihre Meinung kundtut, sondern nur ganz leise flüstert, sodass ihr Nachbar sie laut ausspricht, zu einem Mädchen, das am Ende ihre eigenen Entscheidungen treffen kann. Für mich hat die Autorin die Abenteuer der Mädchen authentisch rübergebracht und ich hätte mir nicht gedacht, dass es so wild wird. Ich frage mich allerdings, ob die charakterliche Weiterentwicklung und Größe nachhaltig ist, wenn Charly in ihr altes Leben zurückkehren muss. Das Leben im Wald war ja eine Ausnahmesituation. Durch den Schreibstil war das Buch doch recht anstrengend zu lesen und ich habe immer nur ein paar Seiten am Stück geschafft. Erst im dritten Teil (Die Laube) hat sich mein Interesse wieder gesteigert. Plötzlich gab es einen kleinen Kriminalfall, dem sich Charly annimmt. Das war überraschend und hat das Buch spannender gemacht. Durch die drei Jungs kam eine neue Dynamik hinein und ich habe nicht mit der Auflösung am Ende gerechnet. Auf das Buch muss man sich einlassen und konzentriert dranbleiben, sonst läuft man Gefahr, Wichtiges zu verpassen. Dass es in der Schule als Klassenlektüre gerne gelesen wird, kann ich mir allein aufgrund der Länge nicht vorstellen. Ich habe gemischte Gefühle: Ich empfehle das Buch aufgrund des Schreibstils weiter, weil es Spaß macht, Charlottes Gedanken zu folgen, und auch wieder nicht, weil es dadurch anstrengend wird. Trotzdem überrascht die Geschichte ständig und ist deshalb eine Lektüre wert.