
Eine heruntergekommene Ansiedlung in Südostungarn. Keine Arbeit, keine Hoffnung, keine Zukunft. Ringsum Verfall, von strömendem Oktoberregen in tiefe Trostlosigkeit getaucht. Nur eine Handvoll Menschen sind geblieben und warten auf ein Wunder, das ihr Los zum Besseren wenden könnte. Eines Tages kommt einer und verheißt Erlösung: Irimias, ein ehemaliger Dorfbewohner mit dem Charisma eines Propheten. Er verspricht anderswo einen neuen Anfang, Arbeit und ein besseres Leben. Die Dorfbewohner können sich der Suggestionskraft seiner Verheißungen nicht entziehen, wenngleich sie ahnen, daß sie wie schon so oft in ihr Unglück rennen werden. Und richtig, Irimias ist ein Gaukler und Gauner, der, seinerseits den Zwängen eines übermächtigen Systems ausgeliefert, Spitzeldienste für die Polizei verrichtet. Während aus dem Mund eines Irren Warnlaute erklingen und rätselhaftes Glockengeläut das Dorf erzittern läßt, tanzen dessen Bewohner zur Feier ihrer bevorstehenden Befreiung in der Kneipe einen infernalischen nächtlichen Tango. . . Eine Parabel über das Versagen von Ideologien, über Indoktrination und Manipulation, über politische Hörigkeit und Spitzelwesen, über die Macht von Worten und das Unglück der Zeit.
Besprechung vom 10.10.2025
Die Apokalypse im Abseits
Verdiente Ehre für den Dirigenten des Wort-Orchesters: Der ungarische Autor László Krasznahorkai bekommt den Literaturnobelpreis.
Ein Gespenst, heißt es in Edith Whartons Erzählung "Später", erkenne man kaum in der Situation, wenn man ihm gerade begegnet, sondern meistens erst hinterher. Das heißt nicht, dass das Aufeinandertreffen in der Erinnerung weniger unheimlich wäre. Aber in den Schrecken mischt sich ein Gran Melancholie, das Staunen darüber, dass man so blind gewesen ist und die Brüchigkeit der eigenen Existenz nicht schon früher erkannt hat. Zu einer Zeit, in der sich noch etwas hätte ändern lassen.
László Krasznahorkais Werk ist diese Melancholie eingeschrieben, das Staunen über den Zustand der Welt auch, aber beides geht in vielen seiner Romane und Erzählungen einher mit der nervösen Unruhe derjenigen, die sich nicht damit abfinden wollen, irgendwann einmal vor Trümmern zu stehen und sich dann zu fragen, wie es dazu kam und wann genau das Gespenst der Zerstörung seinen Auftritt hatte.
Was aber, wenn sich das Gespenst als Heilsbringer tarnt und Rettung inmitten einer unübersehbaren, wenn auch schleichenden Katastrophe verspricht? In Krasznahorkais erstem Roman, "Satanstango", erschienen 1985 im Original und 1990 in deutscher Übersetzung bei Rowohlt, dämmert ein Dorf im Südosten Ungarns, in der Region um Szeged also, wo der 1954 in Gyula als Sohn eines Anwalts geborene Autor Jura studierte, vor sich hin. Das Wetter ist schlecht, ein großer Teil der Bevölkerung weggezogen, aber einer, ein Mann mit dem biblischen Namen Irimias, kommt zurück und verheißt den Übriggebliebenen eine glänzende Zukunft - sie müssten ihm nur folgen.
Krasznahorkai erzählt seine Geschichte ruhig, mit langem Atem und langen Absätzen, aber mit großem Gespür für die Abgründe, die sich innerhalb einer Dorfbevölkerung auftun, die jäh aus ihrer Lethargie und der Gewöhnung an den alltäglichen Schmutz herausgerissen wird. Dass Irimias' Heilsversprechen windig sind, dass er zudem antritt, um die Bewohner um das Letzte zu bringen, was ihnen geblieben ist, die Distanz zu einem Staat, der sie in ihrem verlassenen Winkel nicht ohne Weiteres erreicht, stellt sich erst allmählich heraus - der eine ahnt es früher, der andere später, und die wunderbare siebenstündige Verfilmung des Romans durch den ungarischen Regisseur Béla Tarr führt dieses langsam wachsende Unbehagen, die Erkenntnis, wie anfällig die Verzweiflung für Ideologien ist und wie blind für deren Folgen, mit den Mitteln des Kinos aufs Allerschönste vor.
"Satanstango" ebnete dem wachsenden Ruhm Krasznahorkais den Weg, mit seinem Humor und seiner Hinwendung zur Groteske, zur Vielstimmigkeit und zur im Konjunktiv vermittelten Beobachtung, die man als Zeichen für die Skepsis des Autors gegenüber behaupteten Wahrheiten verstehen kann. Der frühe Roman lässt aber auch bereits erkennen, wie stilsicher und zugleich variationsfreudig der Autor seine langen Sätze - sein 2021 erschienener 400-Seiten-Roman "Herscht 07769" besteht aus einem einzigen Satz - schreibt, wie bereitwillig er seine Sprache für aus der Bibel entlehnte Wendungen öffnet und welchen ästhetischen Genuss er uns damit bereitet.
Krasznahorkai, der in Budapest Hungaristik und Philosophie studiert hat, steht damit tief in der ungarischen Literaturtradition etwa eines Dezso Kosztolányi mit dessen unbedingter Partei für das Individuum oder der Phantastik eines Miklós Mészöly, und er steht unter den Autoren seiner Generation neben Péter Esterházy auch dem lange Zeit in Szeged lebenden László Darvasi nahe. Es ist eine zugleich zentraleuropäische Tradition, die sich widerborstig gegenüber den Mächtigen zeigt und in der Beschreibung der umgebenden Welt Züge herausarbeitet, die der herrschenden Sicht widersprechen.
In Krasznahorkais Romanen trifft man immer wieder Gestalten, die sich gegen das stemmen, was alle andere hinnehmen, und diesen Kampf gegen Windmühlen zeichnet ihr Schöpfer durchaus spottlustig und mit großem Verständnis für die andere Seite. Und wenn im furiosen Kleinstadtroman "Herscht 07769" die thüringische Provinz, von Nazis und Wölfen heimgesucht, sichtbar auf die Apokalypse zusteuert, dann ist es an dem scheinbar schlichten Florian Herscht, in der Musik Johann Sebastian Bachs eine derart reine Schönheit zu entdecken, dass damit dem Schrecken der Welt etwas entgegengehalten wird - auch wenn Herscht lächelnd und mordend diesen Schrecken selbst durchaus vermehrt, in beide weltanschauliche Richtungen austeilend, und auch wenn die Nazis den Komponisten und sein Werk für sich in Anspruch nehmen.
Krasznahorkais Texte spiegeln wider, dass ihr Autor weit gereist ist - sein Roman "Der Gefangene von Urga" spielt in China, sein bis zur Versenkung gelassener Erzählungsband "Seiobo auf Erden" berichtet ebenso von den Erfahrungen seines Autors in Japan wie der Roman "Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluss", und wo Werke wie "Satanstango" von den weitgefächerten Figurenensembles leben, die der Autor bewundernswert dirigiert, da ist um die Figuren dieser Bücher eine große Leere an Personen und eine umso intensiver erfahrene Natur. Dass die Fremden, die der Autor in den Osten schickt, oder der ungarische Gelehrte, der in "Krieg und Krieg" zum Sterben nach New York fährt, ihre heimische Last mit sich nehmen, liegt auf der Hand, aber auch, wie leicht sie in dem zu erschüttern sind, was sie als Teil ihrer Persönlichkeit annehmen.
Das gilt auch, wenn sie am Ziel mit Erwartungen konfrontiert werden, die sie erst entschlüsseln müssen oder die, wie in "Baron Wenckheims Rückkehr", unerfüllbar hoch sind - dieses Buch handelt von einem Exilungarn, einem Baron, der aus Argentinien in die Heimat zurückkehrt und dort als Heilsbringer gefeiert wird, obwohl er eigentlich nur seine Jugendliebe wiedersehen will. Bevor der Roman Fahrt aufnimmt, sogar noch vor dem eigentlichen Titel, hat sein Autor dem Buch eine siebenseitige "Warnung" vorangestellt. Es ist, so könnte man es verstehen, der intensive, Gefolgschaft und Mitarbeit einfordernde Monolog eines Dirigenten seinem Orchester gegenüber. Man könnte es auch auf den Autor beziehen, der sich vorab seines Handwerkszeugs, der Wörter, versichern will. Oder der die aktive Teilnahme seiner Leser will, der verlangt, dass man sein Buch wach, verständig und Wort für Wort in sich aufnimmt, als Mitschöpfer des Werks. Dass diese Ansprache des Dirigenten vom Autor mit einiger Ironie begleitet wird, erstaunt nicht.
Krasznahorkai fand die Bewunderung von Kollegen wie Imre Kertész, Susan Sontag oder W. G. Sebald, er wurde vielfach ausgezeichnet, darunter 2015 mit dem internationalen Man Booker Prize. Nun hat ihm die Schwedische Akademie den Literaturnobelpreis zuerkannt, vielleicht in der Hoffnung, dass uns in einer Zeit, die von politischen Machtdemonstrationen geprägt ist, die Lektüre von Krasznahorkais Romanen eine Perspektive auf die Endlichkeit solcher Erscheinungen und die Möglichkeit beharrlichen Widerstands eröffnet. Dass man in ihnen außerdem die aufregendste und vergnüglichste Prosa finden wird, die in den letzten Jahren auf diese Weise geehrt wurde, kommt hinzu. TILMAN SPRECKELSEN
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