mehr als eine Kriminalgeschichte; mit vielen klassischen Elementen, raffiniert und verwirrend, trotz allem nachvollziehbar und toll erzählt
"Die zwei Gesichter des Januar" gehörte zu den Büchern, die ich ob ihres Klassikerstatus unbedingt lesen wollte. Endlich hab ich es geschafft und bin gleich Mitten in einer höchst eigenartigen Situation: Ein Mann schleift eine Leiche über einen Hotelflur, um ihn in der Besenkammer zu verstecken und ein anderer, der dazu kommt, hilft ihm und wird so zum Komplizen. Der Mörder ist ein Aktienbetrüger aus den USA, der dem Scotch nicht abgeneigt ist, namens Chester MacFarland, der Dank einem Passfälscher mehrfach die Identität wechseln wird. Der andere ist ein Yale-Absolvent, der aufgrund einer missglückten Affäre mit seiner gleichaltrigen Cousine als 15-jähriger der Vergewaltigung bezichtigt und vom Vater verstoßen und nur von einer Großmutter nicht aufgegeben wurde namens Rydal Keener. Als der junge Mann Chester das erste Mal zufällig auf der Straße trifft, ist sein Vater gerade verstorben und er der Beerdigung ferngeblieben. Zufällig sieht der ihm unbekannte Amerikaner seinem Vater mit Anfang 40 sehr ähnlich. Da Chesters junge Frau Colette zufällig auch der Cousine, mit der für Rydal, das Unglück begann, ähnelt, heftet er sich an deren Fersen und kommt so eben dazu, als Chester den Polizisten, den er soeben im Affekt getötet hat, verstecken möchte. Rydal entpuppt sich als hervorragender Fremdenführer für seinen Komplizen, ob seines Sprachentalents und einem Gespür dafür, wie man untertaucht. Dabei geraten die drei immer tiefer in einen Strudel illegaler Aktivitäten und in den Fokus der Polizei. Was ihnen aber tatsächlich zum Verhängnis wird, ist das Zwischenmenschliche: Rydal fühlt sich zu Colette hingezogen, die beiden verstehen sich für Chesters Geschmack definitiv zu gut. Das ist doppelt schwierig, da Rydal über Chester eine gewisse stellvertretende Versöhnung mit seinem Vater sucht usw. Nachvollziehbar sind die Beweggründe Rydals nur auf dieser Ebene, aber das tut dem Lesevergnügen keinen Abbruch und man verfolgt den Weg der Protagonisten durch Athen, auf Kreta und durch Paris mit Spannung, was auch mit dem großartigen Erzählstil Highsmiths zusammenhängt. Der eine oder andere nostalgische Moment kommt hinzu, z.B. wenn Rydal Telefonzellen benutzt oder die Neuigkeiten vom Festland Kreta mit der Zeitung erst mit einem Tag Verspätung erreichen. Gefälschte Ausweise, verändertes Aussehen, Geld im Futter des Koffers, ... sind Elemente eines Agentenromans. Prominente Schauplätze werden v.a. auch von ihrer anderen Seite gezeigt, also neben den bekannten Hotspots geht es es auch in die abseitigen Gegenden, was das Geschehen nahbarer und authentischer macht - trotz des ungewöhnlichen Plots und der undurchschaubaren Motive.Am Ende fügt sich dann das Ganze dann zu einer Art Parabel aufs Leben und einer indirekten Wiedergutmachung in einer der alternativen Erzählung von Rydals Beziehung zu seinem Vater. An der Stelle wurde mir klar, warum das Buch nicht unter einer Kriminalgeschichte sondern unter der Kategorie Literatur bei LB einsortiert wurde.Also: Das Buch gilt zurecht als Klassiker, den man gelesen haben sollte.