Liebenswerte Charaktere und ein bildhaftes Setting
Cover: Zunächst hatte ich aufgrund des Covers ein weihnachtliches Buch vermutet. Umso überraschter war ich von Sommertagen an der Ostsee zu Beginn. Doch das Cover strahlt etwas Magisches aus. Jedoch hat mich vor allem der Titel neugierig gemacht.Schreibstil: Dies ist mein erster Roman des Autorenduos Romy Herold und ich bin sehr angetan vom Schreibstil. Die Geschichte wird aus Sicht der drei Hauptcharaktere beschrieben. Alle Gedanken und Gefühle sind gut nachvollziehbar und man kann sich sehr gut in Dora, Babette und Siggi einfühlen. Besonders gelungen ist die Bildhaftigkeit des Romans. Der atmosphärische und bildhafte Schreibstil entführen einen in ein Lübeck 1922 und lassen durchgehend Kopfkino entstehen. Ich bin wahrhaftig eingetaucht in die Stadt und die Zeit.Geschichte: Der historische Roman begleitet die drei Hauptcharaktere über eine längere Zeit hinweg im Lübeck Anfang der 20er Jahre. Die ersten Kapitel erklären sogleich die Gründe für Doras Reise nach Lübeck. Zunächst wird ziemlich lange ihr Einleben bei ihren Verwandten sowie ihre Anfänge zur Marzipankünstlerin beschrieben. Trotzdem gibt es recht schnell Hinweise auf die Männer, die im Verlauf der Geschichte noch relevant werden. Die Geschichte plätschert ohne jegliche Spannung erstmal so vor sich hin. Dann verdichtet sich die Zeitspanne beginnend mit einem Heiratsantrag und fortan trennen die Kapitel nur wenige Tage. Das hat mich erstmal überrumpelt, da bis ca. zur Hälfte des Buches eine andere Zeitstruktur gefahren wird.Man freut sich mit der Charakteren und leidet genauso mit ihnen an diversen Stellen. Im letzten Drittel des ca. 500 Seiten Buches überschlagen sich dann die Ereignisse und ich konnte das Buch nicht mehr aus den Händen legen. Wem zwischendurch aufgrund fehlender Spannungsmomenten langweilig werden sollte, rate ich dennoch dranzubleiben, da es gegen Ende nicht nur richtig spannend sondern auch wholesome wird. Alle Charaktere erhalten meiner Meinung nach, was sie verdienen, weshalb mir die letzten Kapitel wirklich am besten gefallen haben.Das Buch greift nicht nur die zeitgeschichtlichen Umstände sondern auch die Geschichte des Marzipans und dessen Verbindung zu Lübeck auf. Manchmal kamen mir die geschichtlichen Erklärungen weniger natürlich sonder eher erzwungen auf. Trotzdem waren alle historischen Anekdoten sehr interessant und zeugen von einer sehr, sehr guten und ausführlichen Recherche. Die Geschichte spricht Themen wie Homosexualität, Ehebetrug, offene Beziehungen und gesellschaftliche Konventionen geschickt an und lässt sie durch die vielen Nebencharaktere erscheinen. Manchmal kam es mir vor, als würde es in diesen Themen für die entsprechende Zeit fast zu glatt laufen... Als wäre die Gesellschaft damals deutlich toleranter gewesen, als ich dachte. Das kam mir hin und wieder suspekt vor. Aber ich bin nicht die richtige, um dies zu beurteilen.Charaktere: Dora, Babette und Siggi sind meiner Meinung nach die perfekten Hauptpersonen, um diesen Ausflug in das Lübeck von vor 100 Jahren zu tragen. Sie lernen in einer Wirtschaftskrise und Nachkriegszeit erwachsen zu werden, Entscheidungen gegen die gesellschaftliche Norm zu treffen und wahre Liebe zu erkennen. Zu Beginn sind die drei noch eher teenagerhaft, was sich aber entsprechend der Umstände schnell legt. Ich fand ihre Geschichte und "Liebes"beziehungen sehr interessant und wollte immer wissen, wie es mit ihnen und dem Süßwarenladen weitergeht.Begleitet wird ihr Werdegang von ganz vielen weiteren Charakteren, die unterschiedlicher nicht sein können: unkonventionelle Schauspielende, liebevolle Eltern, Menschen mit boshaften Absichten, Loveinterests in allen Facetten... Trotzdem behält man den Überblick, da die Charaktere jeweils mit ausreichend Abstand eingeführt werden. Ich kann jetzt nicht zu jedem Charaktere etwas schreiben, da dies den rahmen sprengen würde - aber das Autorenduo schafft es, dass ich einigen Personen gegenüber tiefe Zuneigung oder Verständnis entgegenbringe und andere wirklich stark verabscheue. Das spricht definitiv für den Schreibstil und die bildhafte Geschichte.Fazit: Ein ganz zauberhafter Ausflug in ein Lübeck von vor 100 Jahren und die köstliche Welt des Marzipans. Wer beim Lesen keine Lust auf die Mandelsüßigkeit hat, dem ist nicht zu helfen ;) Auch wenn die Zeitstruktur zwischendurch unklar ist und es hier und da zu Beginn an Spannung fehlt, hat mich die Geschichte dennoch verzaubern können und der Abschied tat mir schwer. Über eine Fortsetzung würde ich mich keines Falls beschweren :)