Gelungener historischer Roman
"Die zweite Braut" von Sibylle Baillon kam in meine Lese-Kiste, weil mich das Setting (meine Geburtsstadt Marburg, 1537, mitten in der Reformationszeit) gereizt hat. Und tatsächlich war das auch einer der stärksten Aspekte des Romans. Die Autorin schafft es, die Atmosphäre am hessischen Hof lebendig wirken zu lassen, ohne sich in historischen Details zu verlieren. Ich hatte immer das Gefühl, mich in einer vertrauten, authentischen Welt zu bewegen.Die Protagonistin Anne mochte ich von Anfang an. Sie ist keine überzeichnete Heldin, sondern eine junge Frau, die zwischen vielen alltäglichen Herausforderungen navigiert. Manchmal mutig, manchmal unsicher, aber stets nachvollziehbar. Gott, können wir als Frauen froh sein, nicht damals gelebt haben zu müsssen! Auch ihre heimliche Liebe zu Martin hat für mich funktioniert. Nicht kitschig, sondern leise und glaubwürdig.Was mir ein wenig fehlte, war ein kräftigerer Erzählmotor. Manche Szenen plätschern eher dahin, und gerade im Mittelteil hätte ich mir etwas mehr Tempo gewünscht. Aber insgesamt war es eine angenehme, runde Lektüre, die mich gut durch diese besondere Zeit geführt hat. Lesenswert wenn man Geschichten mag, die weibliche Perspektiven in der frühen Neuzeit ernst nehmen.