Spannender Thriller mit schwachem Start, der später stark wird und mit überraschender Wendung überzeugt.
Die Studentin hat bei mir gemischte Gefühle hinterlassen, besonders im ersten Teil des Buches. Der Einstieg wirkte auf mich stellenweise etwas zäh und fast so, als würde die Autorin ihr Wissen über unglückliche Liebespaare aus der englischen Literatur ein wenig zu sehr in den Vordergrund stellen. Diese Passagen haben mich zunächst nicht richtig in die Geschichte hineingezogen und eher distanziert zurückgelassen. Trotzdem merkt man schon früh, dass unter der Oberfläche mehr steckt, als es zunächst den Anschein hat.Im Verlauf der Handlung ändert sich dieser Eindruck jedoch deutlich. Die Geschichte gewinnt zunehmend an Spannung und Tiefe, vor allem durch die klare Struktur in "davor" und "danach". Diese Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart sorgen dafür, dass man als Leser ständig neu bewertet, was passiert ist und welche Bedeutung bestimmte Ereignisse wirklich haben. Dadurch entsteht ein Sog, der immer stärker wird und einen schließlich doch in die Geschichte hineinzieht.Besonders interessant fand ich die Darstellung der Beziehung zwischen Lehrerin und Schülerin sowie die psychologischen Spannungen, die sich daraus ergeben. Es geht nicht nur um eine einfache Beziehungsgeschichte, sondern vielmehr um Vertrauen, Machtverhältnisse und die Folgen von Entscheidungen, die vielleicht im ersten Moment klein erscheinen, aber langfristig alles verändern können. Dabei wirken einige Figuren zwar etwas blass oder nicht vollständig ausgearbeitet, doch das stört den Lesefluss nur bedingt, da die Grundidee der Geschichte stark genug ist, um zu tragen.Je weiter man liest, desto mehr wird deutlich, wie geschickt Tess Gerritsen mit Erwartungen spielt und falsche Fährten legt. Besonders die Auflösung hat mich überrascht, da ich damit in dieser Form nicht gerechnet hätte. Gerade dieser Moment hat vieles aus dem vorherigen Geschehen neu eingeordnet und dem Roman für mich im Nachhinein mehr Gewicht verliehen.Insgesamt bleibt ein Thriller zurück, der zwar mit einem etwas schwächeren Einstieg beginnt, sich aber kontinuierlich steigert und am Ende durch eine unerwartete Wendung überzeugt. Trotz kleiner Schwächen in der Figurenzeichnung bietet das Buch eine spannende, psychologisch interessante Geschichte, die vor allem durch ihre Atmosphäre und ihre Struktur lebt. Wer Geschichten mag, die sich langsam entfalten und erst nach und nach ihr volles Geheimnis preisgeben, wird hier gut unterhalten.