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Besprechung vom 31.12.2025
Die Kindgestalt des Textes muss erhalten bleiben
Zweifel im Selbstgespräch, Strahlungsfühligkeit im poetischen Wald: Ein Band der Reihe "Text+Kritik" über den Schriftsteller Lutz Seiler
Gute Literatur entsteht oft erst durch Überarbeitung, das sollten selbst Autoren anerkennen, die glauben, vom Genius geküsst zu sein. Marcel Proust, nur zum Beispiel, ist berühmt-berüchtigt für seine Überarbeitungsmanie. Der 1963 geborene Büchnerpreisträger Lutz Seiler treibt es aber auch schon ganz schön weit: "Überarbeitet wird endlos, zwanzig Fassungen sind keine Seltenheit. Immerwährende Zweifel und endlose Selbstgespräche." Er beginne mit Bleistift, wenn es dann zu chaotisch aussehe, übertrage er es in Maschinenschrift. Jede Fassung werde ausgedruckt. Aber: "Das Problem ist, dass das Schriftbild im Computerausdruck eine Art fremde Autorität entwickelt - der Text wird störrisch und tut so, als wäre er schon etwas." Es sei wichtig, immer unkompliziert zur ersten Fassung zurückblättern zu können. "Die Kindgestalt des Textes, seine allererste Form, muss erhalten bleiben, jedenfalls ihre 'naive' Energie, der Impuls, der zum Notieren geführt hat. Insbesondere gilt das für die Gedichte, bei denen die Arbeit ja oft nur mit einer kleinen musikalischen Passage beginnt, mit ein paar Worten und ihrer Lautfolge, die am Anfang wichtiger ist als ihr Inhalt."
Das alles verrät Seiler in einem Interview aus dem ihm nun gewidmeten Band der Traditionsreihe "Text+Kritik", deren Begründer Heinz Ludwig Arnold 2011 verstarb. Aber die Mischung aus Selbstaussagen eines Autors und Fremdeinschätzungen über ihn, aus wissenschaftlicher und feuilletonistischer Prosa sowie manchmal Auszügen aus im Entstehen begriffenen Werken, hat weiterhin ihren Reiz, auch in der relativen Kürze von knapp hundert Heftseiten.
Zu den interessantesten Aspekten an Seilers Werk gehört das verschlungene Verhältnis von Lyrik und Prosa. In erster Linie Dichter, musste er sich besonders der Großform des Romans erst langsam annähern, hat auch bislang "nur" zwei Romane geschrieben. Diese aber enthalten, wie Stephan Pabst feststellt, neben Zeitgeschichte am Ende der DDR auch "eine Geschichte der Lyrik". Und zwar nicht nur der Lyrik ihrer jeweiligen Protagonisten, die auf der Suche nach einer poetischen Lebensform sind, sondern auch der Lyrik ihrer Epoche, die von der Romantik über Georg Trakl bis zur Literaturszene im Prenzlauer Berg reicht. Seilers Roman "Stern 111" (erschienen 2020) zeige diese Szene, so Pabst, in einer Momentaufnahme, kurz bevor sie um 1990 auseinanderfällt. Aber auch schon der Roman "Kruso" (2014) handelt von einem lyrisch geprägten Kreis von Aussteigern auf Hiddensee zur Wendezeit, der an Vorbilder von der Jenaer Romantik bis zum George-Kreis erinnere. In beiden Romanen werde durch die retroliterarisch-verschworene Gemeinschaft noch einmal eine sozialistische Utopie beschworen, die in der Literatur eine Gegenrealität darstelle, kurz bevor der real existierende Sozialismus der DDR an sein Ende gelange. Dann stelle sich plötzlich eine "Unlust" an der Poesie ein, die in "Stern 111" mit dem Verlust der Orte (im sich veränderenden Ostberlin nach der Wende) einhergehe, auch wenn die romantisch-widerständigen Hausbesetzer, zu denen auch der Erzähler gehört, sich diesem Verlust noch eine Zeit lang entgegenstemmen. Um diesen Kipppunkt zu markieren, zitiert Pabst einen beachtlichen Satz von Fritz Rudolf Fries, in dessen Lyrik-Anthologie sowohl der reale Lutz Seiler als auch sein erfundener Protagonist Carl Bischoff frühe Gedichte publiziert haben: "In einem Land, das keine Utopie mehr nötig hätte, wird Lyrik weggekehrt wie der Abfall des Tages."
Der Band enthält noch weitere solcher erhellenden Momente, etwa in einer Betrachtung der Schriftstellerin und Publizistin Ilma Rakusa über ein zentrales Motiv bei Seiler, nämlich den "poetischen Wald", den sie in seinem Werk sowie auch in seiner gewohnten Umgebung findet, nicht nur am Peter-Huchel-Haus in Wilhelmshorst bei Potsdam, wo Seiler seit Längerem lebt. Rakusa betont dann noch etwas, das vielleicht nicht ausnahmslos stimmt: dass Seilers Naturverbundenheit nichts Romantisches oder Sentimentales anhafte - "zu tief haben sich ihm die Uranhalden der Kindheit eingeprägt: eine versehrte, ja toxische Landschaft".
Der Radioaktivität als literarischem Stoff und Seilers "Strahlungsfühligkeit" spürt auch Michael Ostheimer in seinem Beitrag nach; Lothar Müller zieht insbesondere aus den poetisch aufgeladenen Maschinen in Seilers Werk interessante Schlüsse, die nicht nur zu Roland Barthes' "Mythen des Alltags" führen.
Der in Leipzig lehrende Germanist Dirk Oschmann, jüngst durch seine Polemik "Der Osten: Eine westdeutsche Erfindung" sehr prominent geworden, widmet dann unter dem Titel "California Dreaming" noch eine Betrachtung den Eltern des Erzählers von "Stern 111", die im Gegensatz zu diesem die ausgehende DDR so schnell wie möglich verlassen und schließlich nach Amerika auswandern. Der Traum lasse sich auch deshalb realisieren, so Oschmann, weil den Amerikanern die ostdeutsche Herkunft dieser Eltern "völlig gleichgültig ist, während sie ihnen in Westdeutschland permanent zum Vorwurf gemacht wurde". Oschmann entdeckt zudem (Zerr-)Spiegelungen zwischen dem Protagonisten Karl Roßmann in Kafkas Amerika-Roman "Der Verschollene" und Seilers Erzähler Carl Bischoff.
Durch die historische Situation von "Stern 111" ist es darin allerdings nicht der Sohn, der auswandert in den "Westen des Westens", sondern es sind eben die Eltern. Dieser Inversion, die schon im Roman selbst thematisiert und ironisiert wird ("unsere Eltern sollen es einmal besser haben"), gewinnt Oschmann noch weitere interessante Überlegungen ab, wobei er das Glück der Eltern am Ende des Romans als "märchenhaft" beschreibt. Das Märchenhafte gehört zu Seilers Werk unbedingt dazu, und dieser Band hilft, einige Aspekte davon fruchtbar zu deuten. JAN WIELE
Bernard Banoun, Carola Hähnel-Mesnard (Hrsg.): "Lutz Seiler". Text+Kritik, Heft 249.
Edition Text+Kritik, München 2025.
103 S., br.
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