
Besprechung vom 09.07.2026
Welch fremdes, wildes Zeitalter!
Valentin Groebner zeigt, wie das Mittelalter in den Siebzigern und Achtzigern zur Gegenkultur stilisiert wurde
Geschichte ist nicht das, was war, sondern das, was Menschen in der Gegenwart dafür halten und interessant finden. Mit diesem Grundsatz geht Valentin Groebner in einem höchst anregenden und sehr lesenswerten Bändchen der Frage nach, wie "das" Mittelalter in den 1970er- und 1980er- Jahren in verschiedenen Teilen der "linken Szene" entworfen und genutzt wurde. Als Referenz waren hier vor allem diejenigen interessant, die ausbrechen wollten aus der Ordnung: die Franziskaner etwa mit ihrer Forderung radikaler Armut; die Beginen mit ihrer individuellen religiösen Lebensform; dazu all die Ketzer, Asketen, Mystiker, die im zwölften bis vierzehnten Jahrhundert in Westeuropa die Reichen und Mächtigen kritisierten und sich zurücksehnten zur Reinheit des Glaubens und zu einem moralisch vorbildlichen Leben.
Valentin Groebner erläutert diese Zusammenhänge in einem materialgesättigten Essay, der auf einem Vortrag in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften beruht. So kurz der Text ist, so dicht ist er aber. An immer neuen Beispielen wird anschaulich, wie Linke die religiösen "Bewegungen" im Westeuropa des zwölften bis vierzehnten Jahrhunderts rezipierten und nutzen, um sich selbst zu definieren und zu präsentieren. Groebner nimmt den Leser mit in das "Archiv Soziale Bewegungen in Freiburg im Breisgau" und in die "Autonomia operaria", die autonome Szene Italiens, deren Gewalttaten zwischen 1979 und 1982 Hunderte Opfer forderten. Er zeichnet nach, wie Umberto Eco mit seinem Roman "Der Name der Rose" von 1982 eine Parabel auf diese Kämpfe der italienischen Linken schrieb: auf die Gewalt, die jedes quasi-religiöse Streben nach Reinheit und Moral hervorbringt, und auf die Neigung der Täter, sich als Opfer und Ausgegrenzte im heilsnotwendigen Kampf gegen das übermächtige System und seine Dogmen zu stilisieren.
Groebners Material reicht von einer Freiburger Staatsexamensarbeit bis zu Jürgen Habermas' Kritik an der Subjektivität der linken Proteste Mitte der 1980er-Jahre. Es reicht von Vittorio Gassmanns Filmkomödie "Brancaleone" bis zu Terry Gilliams "Jabberwocky", von Emmanuel Le Roy Laduries berühmtem Buch zur Inquisition in Montaillou bis zum linken Buchladenkollektiv "Jos Fritz" in Freiburg, benannt "nach dem Anführer des Bundschuhaufstands vom Ende des 15. Jahrhunderts". Die Bewohner der besetzten Häuser in der Hamburger Hafenstraße behaupteten auf einem Plakat im Jahr 1985 keck, "ihr Bürgermeister heiße Klaus Störtebecker". Und wenn Jugendliche in Deutschland in den frühen Achtzigern nicht nur Häuser besetzten, sondern auch nackt auf der Straße demonstrierten, dann riefen sie damit nicht zuletzt den heiligen Franz von Assisi auf: Auch er war ja schon nackt seinem Vater, dem reichen Kaufmann, entgegengetreten und hatte radikale Armut gepredigt.
Immer wieder analysiert Valentin Groebner auch Bilder: Fotografien des Westberliner "Tuwat"-Kongresses für die Verteidigung besetzter Häuser, ein von ihm selbst erzeugtes KI-Bild eines Bettelmönchs, ein Wandbild in Mailand mit der Inschrift "San Precario" (jener emblematischen Figur des Kampfes gegen prekäre Beschäftigungsverhältnisse, die 2004 in Mailand ersonnen worden ist). Damit verbindet sich ein leises Bedauern: Das Büchlein kommt ohne Abbildungen daher, sodass man die Bilder leider nicht sehen, die Beschreibungen nicht selbst nachvollziehen kann.
Bei alledem beschränkt sich der Essay aber nicht darauf, das faszinierende, oft unerwartete Material aus den verschiedenen Teilen des linken Spektrums auszubreiten. Valentin Groebner stellt auch die verschnupfte Reaktion der (deutschen) Mediävistik dieser Zeit vor: Mit Ecos Welterfolg etwa konnten die Experten für das Mittelalter, das sie als eine einzige, große Epoche begriffen, nur wenig anfangen. Sie kritisierten die Art und Weise, wie Eco die Geschichte "des" Mittelalters gebraucht habe, um seinen Roman zu schreiben. Zugleich aber arbeiteten sie selbst paradoxerweise kräftig an Epochenbildern mit, die "das" Mittelalter "der" Moderne gegenüberstellten: Eben in den Achtzigerjahren wurde das akademische Mittelalter zu einer fernen, fremden, exotischen Gegenwelt zur Gegenwart. Am Mittelalter, so schrieb Horst Fuhrmann 1987, könne Modernes "als in all seiner Modernität befangen entlarvt werden". Arno Borst handelte 1988 von "Barbaren, Ketzern und Artisten". Verlage suchten Titel, die "ein möglichst fremdes, wildes und widerborstiges Zeitalter" versprachen.
Ein bemerkenswerter Kreislauf: Mediävisten schufen ein Bild "des" Mittelalters als radikal fremde Gegenkultur, das dann in linken Milieus aufgegriffen und politisch ausgemünzt werden konnte. Und dieser Mittelaltergebrauch wirkte bald seinerseits wieder auf die Geschichtswissenschaft zurück: 1988 stellte etwa die Historikerin Chiara Frugoni Franz von Assisi in Generationenkonflikte hinein und untersuchte "Praktiken der Verweigerung", um die Karriere des Heiligen zu interpretieren. Und Richard Trexler gab 1989 seiner Franziskus-Biographie den Titel: "Naked Before the Father".
Die "Grenzen zwischen militanter Gegenkultur, populärer Unterhaltungskultur, Feuilleton und ... höchst ernsthafter und hochspezialisierter universitärer Wissenschaft", so Groebner, seien "also offensichtlich um einiges durchlässiger, als es den jeweiligen Protagonisten und Akteuren vorkommt". Das ist zweifellos richtig - allerdings spätestens seit dem 'linguistic turn' der Achtzigerjahre keine Neuigkeit mehr. Möglicherweise hat sich heute die eigentliche Herausforderung für die Geschichtswissenschaft gewandelt: Donald Trump wünscht sich in staatlichen Museen eine Geschichte der USA ohne Sklaverei und Rassismus. In Deutschland begreifen Politiker Geschichte (und gerade auch die "des" Mittelalters) als Knetmasse für den Kulturkampf im rechtsextremen Vorfeld. Vielleicht wäre es heute doch wichtig, genauer auszuloten, wann die rote Linie zwischen Geschichtswissenschaft und dem politischen Missbrauch von Geschichte überschritten ist? STEFFEN PATZOLD
Valentin Groebner: "Reiner, radikaler, intensiver?" Das Mittelalter der Gegenkultur.
Wallstein Verlag, Göttingen 2026. 57 S., br.
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