Ein wunderbares Buch! Viel mehr als der angepriesene leichte Gesellschaftsroman ...
Ich kannte die Autorin vorher nicht und erwartete eher leichte Unterhaltung. Aber schon auf den ersten Seiten begeisterte mich der wunderbare Schreibstil, sehr fein, detailliert, kunstvoll, humorvoll und gleichzeitig voller Menschenkenntnis und Beobachtungsgabe. Deshalb lesen sich die über 300 Seiten keineswegs schnell und oberflächlich. Nur mit Zeit und Konzentration kommt man wohl in den vollen Genuss. Ich habe sogar extra langsam gelesen, weil mit jeder Seite unaufhaltsam das Ende nahte. :-) Tatsächlich könnte ich von diesen perfekt gezeichneten Personen immer weiter lesen und mich kein bisschen langweilen. Die Begeisterung hat bis zum Ende angehalten.Lediglich die Szenen mit der Balletttänzerin, als sie "noch die Alte war", fand ich etwas lang geraten. Normalerweise hätte ihre Liebesgeschichte kitschig wirken müssen. Aber Vicki Baum hat es geschafft, selbst diese Szenen einfach nur berührend und ernstzunehmend in Worte zu fassen. Es gibt allgemein so viele schöne und tiefsinnige oder einfach amüsante Sätze, die ich hätte anstreichen wollen. Wie im Klappentext angekündigt, verwandeln sich die Protagonisten im Laufe der Geschehnisse entweder oder dürfen zumindest für sie Neuartiges erleben. Die Charaktere selbst entscheiden, was sie daraus machen - wahrscheinlich wie im Leben. Was kleine Begegnungen oder Begebenheiten im Leben eines Menschen ausmachen (können), wird hier sehr deutlich. Deshalb hat der Roman viel Psychologie und philosophische Themen in sich. Das Menschsein im Kleinen (selbst im Luxushotel ist man nicht nur, was von außen zu sehen ist) ist anschaulich dargestellt, was und wo und wie "das echte Leben" ist, immer wieder eine wichtige bis quälende Frage und Suche. Am Rande schwingt die Frage, was die Finanzen damit zu tun haben (oder auch nicht). Man verfolgt einzelne Personen mit ihren Gedanken, Gefühlen, Wahrnehmungen, verschiedensten Nöten und Glücksgefühlen oft über längere Strecken. Vielleicht wäre eine Kapitelunterteilung gut gewesen, aber der Rhythmus wäre dadurch ein anderer. Etwas schade fand ich, dass das Hotelpersonal mit ihrem Innenleben nur am kleinsten Rand eine Rolle spielte. Das war aber sicher so beabsichtigt. Das Buch, 1929 erschienen, spielt in einem Berliner Hotel der gehobenen Art. Die Figuren sind vielschichtig, zeitlos, realistisch bis ins Detail, im Grunde sogar alle sympathisch, je besser man sie kennenlernt. Die einen erscheinen hoffnungslos festgefahren, andere nehmen das Leben leicht, sind voller Lebens- und Erlebenslust. Jede/r ist eine Welt für sich und dazu kreuzen sich ihre Wege, beeinflussen sich für kurz oder lang. Es gibt Überraschungen, viel Amüsantes, Tragik und Mut, das unerwartete Finden der echten, bedeutungsvollen Momente des Lebens, abenteuerliche Szenen und Gesellschaftskritik.