Emotional gut, aber etwas zu kompakt für volle Tiefe
Nach einer kleinen Odyssee auf dem Postweg ist Afterglow endlich bei mir angekommen, und ich gebe zu, ich hatte nach den vielen positiven Stimmen im Vorfeld entsprechend hohe Erwartungen. Yakuza-Setting und Boys Love sind für mich ohnehin eine Kombination, die fast automatisch mein Interesse weckt. Entsprechend gespannt war ich auf diesen Titel.Afterglow von Wagimoko Wagase erschien 2023 in Japan und wurde als ursprünglich abgeschlossene Geschichte in einem Einzelband veröffentlicht. Im Zentrum steht Higuchi Kiyotaka, ein ehemaliger Elite-Kardiologe, der nach einem traumatischen Vorfall seine Karriere nicht wie geplant fortsetzen kann und nun als Allgemeinmediziner in einer Kleinstadt arbeitet. Schuldgefühle, Selbstzweifel und das Gefühl des Scheiterns prägen seinen Alltag. In einem Moment emotionaler Erschöpfung begegnet er Tenju, einem Yakuza, der ihm für eine Nacht das Vergessen anbietet, eine Begegnung, die für beide weitreichende Folgen hat.Was mir besonders positiv aufgefallen ist, sind die Figuren. Beide tragen sichtbar ihre eigenen Wunden mit sich. Higuchis innere Zerrissenheit wirkt glaubwürdig, seine Depressionen und sein Gefühl des Versagens werden ernst genommen und nicht nur als erzählerisches Mittel eingesetzt. Tenju wiederum bleibt nicht bei einer klischeehaften "Gangster"-Darstellung stehen. Ich finde, man merkt schnell, dass hinter seiner Fassade mehr steckt als reine Coolness oder Dominanz. Gerade diese emotionale Verletzlichkeit, die nur punktuell durchscheint, macht ihn meiner Meinung nach interessant.Die Dynamik zwischen den beiden basiert stark auf gegenseitiger Bedürftigkeit und emotionaler Stütze. Sie tun einander gut, weil sie in gewisser Weise verstehen, was es heißt, innerlich angeschlagen zu sein. Das mochte ich sehr. Gleichzeitig muss ich ehrlich sagen, dass mich die Geschichte emotional weniger tief berührt hat, als ich es erwartet hatte. Für mich blieb die Bindung etwas auf Distanz. Ich hätte mir stellenweise mehr Raum für Entwicklung gewünscht, mehr Szenen, in denen ihre Beziehung langsam wachsen kann. Da der Band sehr kompakt erzählt ist, wirkt alles fokussiert, was einerseits angenehm lesbar ist, andererseits aber auch etwas Potenzial verschenkt.Die Mischung aus Drama, Romance und expliziter Erotik ist deutlich erwachsen inszeniert. Die körperliche Ebene ist präsent und visuell intensiv, aber nicht völlig losgelöst von der emotionalen Komponente. Meiner Meinung nach gelingt es dem Manga, trotz der klaren erotischen Ausrichtung eine Geschichte zu erzählen, die über reine Anziehung hinausgeht. Dennoch steht die sinnliche Darstellung spürbar im Vordergrund, wer tief verschachtelte Plot-Arcs erwartet, wird hier weniger fündig.Ein großes Highlight ist für mich ganz klar der Zeichenstil. Wagimoko Wagasas Artwork ist detailreich, atmosphärisch und besonders in der Darstellung von Tattoos und Körpersprache sehr ausdrucksstark. Die Tattoos sind nicht nur optischer Blickfang, sondern unterstreichen die Identität der Figuren und verstärken die leicht melancholische, zugleich sinnliche Stimmung. Viele Panels wirken beinahe illustrativ und verleihen dem Band eine hochwertige Ästhetik.Als Einzelband funktioniert Afterglow gut. Die Geschichte ist rund erzählt, die zentralen Konflikte werden aufgegriffen und zu einem stimmigen Ende geführt. Gleichzeitig habe ich persönlich das Gefühl, dass mit mehr Umfang eine noch tiefere emotionale Wirkung möglich gewesen wäre. Gerade die psychologischen Aspekte hätten meiner Meinung nach von zusätzlichem Raum profitiert.Insgesamt ist Afterglow ein solider, erwachsener Boys-Love-Manga mit düsterer Atmosphäre, interessanten Figuren und starkem Artwork. Für Fans von Yakuza-Settings, expliziteren BL-Titeln und Geschichten über gebrochene Männer, die Halt ineinander finden, ist der Band definitiv eine Empfehlung. Wer jedoch komplexe, langfristig aufgebaute Beziehungsentwicklungen sucht, könnte sich, so wie ich, ein wenig mehr Tiefe wünschen.