"Bleibe nur diesen Tag und diese Nacht bei mir, und dusollst den Ursprung aller Gedicht erfassen!Du sollst das Gut der Erde und der Sonne haben (Millionenvon Sonnen sind noch übrig),du sollst die Dinge nicht mehr aus zweiter oder dritterHand nehmen, auch nicht durch die Augen derToten sehen und dich nicht nähren von denGespenstern in Büchern;Du sollst auch nicht mit meinen Augen sehen, noch dieDinge von mir empfangen,Du sollst Horchen nach allen Seiten und sie alle durch dich selbst filtrieren!"Ein Freund von mir (danke Holger!) brachte mich dazu noch einmal nach langer Zeit zu diesem Werk zu greifen.Borges meinte einmal, dass jeder große Schriftsteller ein Symbol geprägt habe und auch prägen müsse, weil es ansonsten ganz unerheblich sei, ob er gut schriebe oder nicht, er würde dann die Zeit nicht überdauern (nach Borges Meinung leider so geschehen mit Quevedo ). Kafkas Labyrinthe; Cervantes Gestalt Don Quijote, mitsamt Gefährte Sancho Pansa und den Windmühlen; Melvilles weißer Wal Moby Dick. Doch Borges nennt stets auch ein Ausnahme, Whitman, der kein Symbol geprägt habe (außer vielleicht das Bild der Grashalme), sondern selbst zu einem geworden sei."Ochsen, die ihr mit dem Joch und der Kette rasselt oderoder unter schattigem Blätterdach haltet, was ist es, dasihr in euren Augen ausdrückt?Es scheint mir weit mehr als alles Gedruckte, das ich inmeinem Leben gelesen."Whitman ist ein Rufer des Lebens. Dies Ding, oft verbannt aus unserer Mitte, benutzt, analysiert, systematisiert und verbogen, will er uns wieder nahebringen. "Das Alles" ruft er uns aus seinen Zeilen zu, ist das Leben, alles was an Wunderbaren zu greifen ist, in unser Nähe geschieht, jedes noch so kleine Wunder, das uns kurz umgibt, jede noch so einfache oder schwierige Tätigkeit, jeder Name, jede Periode unseres Lebens und der Ewigkeit."Alle Wahrheiten harren in allen Dingen,sie haben's nicht eilig mit ihrer Befreiung, nochwiderstehen sie ihr,Sie bedürfen nicht der Zange des Geburtenhelfers.Das Unbedeutende ist mir so wichtig wie irgendetwas.(Was ist weniger oder was ist mehr als eine Berührung?)"Die Grashalme sind Musik, sind Hymne, aber auch philosophischer Sturm, in dessen Wind hier und da mal ein Flüstern von kleinen Wahrheiten an unser Ohr schwebt: "Die Uhr zeigt die Minute - aber was zeigt die Ewigkeit?"Pathos ist bei solchen Gesängen ja eigentlich schwer zu umgehen; aber, o Wunder, gerade das würde man nie über die Grashalme sagen, dass sie pathetisch seien, zu sehr erkennt man sich selbst in der einen oder anderen Liebe, in dem ein oder anderen Halm. Es bleibt das Gefühl einer natürlichen, nie zu schnellen, nie zu langsamen Dichtung, die immer an der eigenen Seite schreitet, hierhin zeigt, dies aufdeckt, jenes nacherzählt."Meinst du, ich möchte Erstaunen erregen?Erregt denn das Tageslicht Erstaunen? Oder derfrühmuntere Rotschwanz, der durch die Wälderzwitschert?Errege ich mehr Erstaunen als diese?"Diese Ausgabe (ich beziehe mich auf die Anaconda-Ausgabe) umfasst einige Gedichte aus den "Trommelschlägen"(dies Impressionen aus den Jahren des Bürgerkriegs, z.B. ein in Worten gemaltes Bild von Kavallerie, die ein Furt durchquert); dann, über 60 Seiten, also ein Drittel des Buches, einen Ausschnitt aus dem gewaltigen "Gesang von mir", einem Text, halb Hymnus, halb Erzählung, voller Ansichten und Verherrlichungen, voller Schönheit und immer wieder natürlich-geistreich, wenn man es nicht erwartet; des weiteren noch viele andere, auch kleine Gedichte, ein-zwei Seiten lang."Hier oder fortan, mir ist es gleich, ich vertraue der Zeit unbedingt.Sie allein ist ohne Unterbrechung, sie allein rundet undvollendet alles,Dies Mystisch verwirrende Wunder allein vollendet alles."Vielleicht ist dies die letzte Botschaft Whitmans: Alles vollendet sich von selbst, es hat keinen Sinn Krieg zu führen, zu hetzten, sich von irgendetwas auffressen zu lassen. Letztendlich geht das Leben seine Wege und man sollte ihnen folgen, man sollte sein Glück machen, die Augenblicke haben - seine Stimme flüstert: Das Leben ist dies alles, was versuchte außerhalb zu sein, sich davor zu retten, sich darin zu verstecken. Es gibt die Welt, die Welt als das Ding, dass sie ist, ohne Geheimnis oder Seltsamkeiten, alles was ist, ist und gehört dazu."Seht ihr, o meine Brüder und Schwestern?Es ist nicht Chaos oder Tod, es ist Form, Einheit,Bestimmung, ist ewiges Leben - ist Glückseligkeit."