
Vom Wagnis, selbst zu denken
Welche Philosophie kann uns heute noch leiten? Auf den Spuren von Theodor W. Adorno, Susan Sontag, Michel Foucault und Paul K. Feyerabend entwirft »Geister der Gegenwart» ein großes Ideenpanorama der westlichen Nachkriegszeit. Wolfram Eilenberger erzählt mitreißend vom Aufbruch in eine neue Aufklärung, der direkt zu den Bruchlinien unserer Zeit führt.
Winter 1949: Theodor W. Adorno kehrt aus den USA ins zerstörte Frankfurt zurück, Paul K. Feyerabend kriegsversehrt nach Wien. Wunderkind Susan Sontag besucht Thomas Mann in Los Angeles. Der junge Michel Foucault begeht in Paris einen weiteren Selbstmordversuch. Als Folge der Weltkriegskatastrophe suchen diese vier Selbstdenker ihren Weg in ein neues Philosophieren. Über die kommenden Jahrzehnte revolutionieren sie die Art und Weise, wie wir über unsere Gesellschaft, Kultur und Wissenschaft nachdenken.
Wolfram Eilenberger legt erneut ein erzählerisches Meisterwerk vor, das am Beispiel dieser vier mutigen Geister von der Kraft der Philosophie kündet, einen Ausgang aus den Engen der Gegenwart zu finden. Voller überraschender Einsichten und befreiender Impulse für unsere Zeit der Krise.
Shortlist Tractatus - Essaypreis des Philosophicum Lech
Besprechung vom 14.03.2026
Sprachlos im Labyrinth
Wolfram Eilenberger gibt in seinem Essay zur Lage der Philosophie einem Affekt gegen triftige Argumente nach.
Von Martin Seel
Seinen drei umfangreichen Recherchen über Höhepunkte der Philosophiegeschichte im 20. Jahrhundert lässt Wolfram Eilenberger nun einen Essay über die gegenwärtige Lage der Philosophie folgen. Von Stern-Dekaden ist jetzt nicht mehr die Rede. Weite Teile des Buchs intonieren einen Abgesang auf die Leuchtkraft der Philosophie. Die Zeit der großen, weltumfassenden Synthesen, sagt der Autor, sind schon lange vorbei. Maßgebliche Impulse des vorigen Jahrhunderts - exemplarisch werden der logische Empirismus, die Kritische Theorie und der Strukturalismus in Erinnerung gerufen - hielten erhebliche Desillusionierungen für die Protagonisten und ihr Publikum bereit. Der Empirismus musste sich eingestehen, dass ein interpretationsfreier Zugriff auf das Gegebene nicht möglich ist. Die ältere Kritische Theorie musste erkennen, dass der zivilisatorische Fortschritt eine verheerende Kehrseite hat. Der Strukturalismus deckte auf, dass die Evolution der menschlichen Kultur keiner inneren Logik folgt. Gleichzeitig, so Eilenberger, entwertete der Siegeszug der analytischen Philosophie das kontinentale Denken und gab durch eine ungehemmte Verwissenschaftlichung die existenzielle und kulturelle Dringlichkeit des Philosophierens preis. Die Institutionalisierung der Philosophie als ein Fach unter anderen habe zudem zu einer Herausbildung konkurrierender Schulen geführt, denen es vorwiegend um eine "Selbstkanonisierung" im Dienst des eigenen Marktwerts geht. Da sei es kein Wunder, dass seit 1968 von der westlichen Philosophie keine maßgeblichen Impulse mehr ausgegangen seien.
Diese Mängelliste präsentiert ein veritables Zerrbild. So ist es zwar richtig, dass die Hegemonie der analytischen Philosophie in manchen Bereichen zu einer Kolonisierung der philosophischen Lebenswelt führt, wenn Forschende sich ihre Fragestellungen von dem in angelsächsischen Journalen Angesagten vorgeben lassen oder bei Berufungen die Meinung herrscht, Stellen in der theoretischen Philosophie seien ausnahmslos mit Personen analytischer Provenienz zu besetzen. Das schmälert jedoch die Meriten dieser Denkrichtung nicht, die sich keineswegs bloß an hausgemachten Gedankenexperimenten ergötzt, wie Eilenberger unterstellt. Auch ist der Graben zwischen der angelsächsischen und der kontinentalen Philosophie seit Jahrzehnten durch ihre kreativsten Strömungen von beiden Seiten her mehr und mehr zugeschüttet worden. Man denke nur an die Werke von Richard Rorty, John McDowell oder Robert Brandom einerseits und Jürgen Habermas, Ernst Tugendhat oder Wolfgang Künne andererseits. Außerdem sind die Barrieren zwischen den philosophischen Schulen mittlerweile so durchlässig geworden, dass man sich hin und wieder nach den Zeiten sehnt, in denen zwischen Paris und Frankfurt und andernorts heftigste Kontroversen ausgetragen wurden.
Eilenbergers polemische Übertreibungen jedoch sind wohlkalkuliert. Sie bilden einen Kontrast zu dem Gegenbild, das er entwirft. Der doppeldeutige Buchtitel zeigt es an: Wo die Gegenwart der Philosophie sich als deplorabel erweist, bedarf es einer Philosophie der Gegenwart. Die Kultivierung "orientierender Geistesgegenwärtigkeit", sagt Eilenberger, ist unter heutigen Bedingungen das Wahrzeichen authentischen Philosophierens. Mit Kant sucht es einen "Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit". Mit Foucault widmet es sich der widerständigen Erkundung der Daseinsformen hier und jetzt. Dies verlangt ein Denken, "das sich bei geklärter Sicht weder als totalisierend noch wissensfundierend, weder als normativ gründend noch prophetisch antizipierend behaupten will". Mit einer von Jorge Luis Borges geliehenen Metapher geht es diesem Denken um einen Ausgang aus einem "Labyrinth" der Hörigkeiten: aus den Fängen der instrumentellen Vernunft, des Autoritarismus und Dogmatismus, aber ebenso einer doktrinären, auf systematisch-allgemeine Erkenntnis zielenden Forschung.
Eilenberger skizziert eine entschieden transformative Auffassung von Philosophie. In befreiender Ausrichtung interveniert diese in den Prozess der persönlichen und gesellschaftlichen Entwicklung. Dabei kommt der Sprache eine entscheidende Rolle zu. Aufbrechende und aufklärende "Sagensmöglichkeiten" sind es, die den Weg aus der labyrinthischen Desorientierung weisen. Solches Sprechen vollzieht sich "als Fähigkeit, beziehungsweise unheimlicher Drang, bislang Ungesagtes, Unbedachtes, Ununterschiedenes klärend zur Sprache zu bringen; als Fähigkeit, beziehungsweise Drang, in besonders intensiver Weise über das eigene Denken - und damit sich selbst - nachzudenken; als Fähigkeit, beziehungsweise Drang, zu öffnenden, provozierenden, gewollt tabubrechenden Entgleisungen, schließlich als ein Streben nach Intensivierung der eigenen Lebendigkeit selbst".
Das trifft durchaus eine zentrale Dimension der Philosophie: ihren sprachlichen Einsatz, ihre sprachlichen Überschreitungen, durch die sie, wenn es gut geht, die Koordinaten des Erkennbaren, Erwartbaren und Erfahrbaren verschiebt. Philosophie ist eine Kunst des mit anderen, eigenen, auch eigenwilligen Worten Sagens - in der Übersetzung und Auslegung von Texten und erst recht bei der Durchführung selbständiger Untersuchungen.
"Klärend" und "orientierend" - Grundworte in Eilenbergers Buch - aber können diese Operationen nur ausfallen, wenn sie sich einer argumentativen Beglaubigung nicht versperren. Auch das unbotmäßige "Wahrsprechen", dem Foucault eine Studie gewidmet hat, ist eben das: ein unter persönlichem Einsatz erfolgendes Bestehen auf Einsichten, die in der Sprache der Gründe bezeugt werden können. Das transitorische Moment der Philosophie lässt sich von ihrem diskursiven nicht abspalten. In jedem produktiven Denken arbeiten der sprachliche Zugang und die sachliche Einlösung einander zu, ganz gleich, in welchem Idiom es sich vollzieht - in der nüchternen Diktion eines Gottlob Frege oder der bildreichen eines Walter Benjamin.
Eilenbergers Affekt gegen ein systematisch argumentierendes Denken verkürzt den Mut zum Selbstdenken, auf den es ihm ankommt. Eine dank "geklärter Sicht" eingreifende Erhellung der Gegenwart kann ohne eine Einschätzung der sie prägenden epistemischen und normativen Strukturen nicht gelingen. Dabei den Fundus philosophischer Erkenntnis gestern wie heute außer Acht zu lassen, wäre einigermaßen töricht - woraus folgt, dass Gegenwartsdiagnosen nicht ihre prinzipiell vorrangige Aufgabe sind. Der transformative Impuls der Philosophie ist überall gegeben, wo sie selten genug, aber doch immer wieder mit unverstellter Stimme spricht.
In einem als "spekulativ" markierten Ausblick kommt es am Ende des Essays zu einer erstaunlichen Wendung. Trotz seiner zuvor geäußerten Vorbehalte gegen ein antizipierendes Denken beschwört der Verfasser die Gefahr einer weltweiten, durch Krieg, Klimakrise, Rassismus und weitere Übel angetriebenen Dystopie und fragt sich, wie die Philosophie ihr begegnen könnte. Mit heideggerianischem Zungenschlag heißt es jetzt: "Philosophen warten ihre Gegenwart." Bei dieser Wartung, imaginiert Eilenberger, könnte es zum Aufleben einer Metaphysik kommen, die weit hinter Kant zurückgeht, oder zu einer Wiedervereinigung von Philosophie und Theologie. Tendenzen, die im vorigen Jahrhundert als regressiv gegolten hätten, könnten sich als rettende Kräfte erweisen. Wie diese Kräfte - und warum gerade sie - dies sollen bewerkstelligen können, erfährt man allerdings nicht.
Stattdessen geht der Autor zu sich selbst auf Distanz, indem er seine Reserve gegenüber der diskursiven Rede radikalisiert. Er zieht in Zweifel, dass der Weg der Geistesgegenwärtigkeit auf vorrangig sprachlichen Bahnen zu begehen ist. Denn es könnte sein, dass ausgerechnet eine sprachlich verfahrende Kritik "erst die Pfade in jene Labyrinthe und Ödnisse allzu ungeduldigen und geltungsheischenden Selbstbehauptens" hervorgebracht hat. Aus ihnen versuche sich die Philosophie seit jeher mithilfe "sprachferner Ausgänge" zu befreien. Unter Berufung auf Simone Weil wird der "Wegweiser" des Buchs nun als Hinweis auf die "Gegenströmung" einer die Sprache hinter sich lassenden Mystik gedeutet. Diese wird als Quelle einer "gereinigten Geistesgegenwart" gepriesen, die der Hoffnung auf begrifflich gewonnene Antworten entsagt und ihre Erfüllung in einem puren "Anwesend-Sein" findet.
Aus der intervenierenden Wartung der Gegenwart wäre damit ein sich verweigerndes Warten geworden. Es fehlt nur noch, dass mit Heidegger gesagt wird, nur ein Gott könne uns retten. Vielleicht aber hat sich Eilenberger bei seinen Schlussworten lediglich an Borges' Erzählung "Tlön, Uqbar, Orbis Tertius" erinnert, in der berichtet wird, dass bei den Forschern auf dem Planeten Tlön ein Buch ohne Selbstwiderlegung als unvollständig gilt.
Wolfram Eilenberger: "Die Gegenwart der Philosophie". Ein Wegweiser.
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2026. 128 S., br.
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