Origenes (ca. 185-254) und Johannes Chrysostomos (ca. 349-407) setzten sich mit den Herausforderungen der intellektuell-ethischen und gesellschaftlichen Bedeutung des antiken Bildungsideals für das Christentum auseinander. Jutta Tloka zeigt exemplarisch sowohl die christliche Neudefinition von Bildung als auch die christlich motivierte Veränderung gesellschaftlicher Strukturen auf.
Jutta Tloka studies the way ancient Christianity dealt with the ancient ideal of education, the paideia. Using the works of Origen and John Chrysostom, she shows the extent to which the examination of the paideia was of service to the plausibilization of Christianity. Whereas Origen adhered to the ideal of gnosis and aspired to a dialogue with philosophy in order to substantiate the truth of Christianity, Chrysostom began a rhetorical duel whose aim was to serve not only the mission but also a Christian restructuring of the polis and thus provide proof of the social relevance of Christianity in everyday life. The efforts to make Christian identity intellectually and socially plausible resulted in two important church functions: Christian theology and Christian homiletics. Jutta Tloka untersucht den Umgang des antiken Christentums mit dem wichtigsten Aspekt antiken Selbstverständnisses: dem antiken Bildungsideal, paideia, mit seiner intellektuellen und gesellschaftlichen Funktion und Deutungshoheit. Anhand von Origenes und Johannes Chrysostomos, zwei griechischen Theologen, von denen der erste vor, der zweite nach der Konstantinischen Wende wirkte, zeigt die Autorin, inwieweit die Auseinandersetzung mit der paideia der intellektuellen und sozialen Plausibilisierung des Christentums diente. Origenes suchte den Dialog mit der Philosophie, um die Wahrheit des Christentums zu begründen und seine ethisch-intellektuelle Bedeutung zu erweisen. Zugleich reflektierte er über kirchliche Strukturen zur Sicherstellung seines Ideals der gnosis. Chrysostomos dagegen begab sich in ein rhetorisches Duell, das nicht nur der Mission, sondern auch einer christlichen Neustrukturierung der polis und damit dem Nachweis gesellschaftlicher Relevanz sowie der Ermöglichung eines christlichen Alltags dienen sollte. Die Autorin macht deutlich, wie aus dem Bemühen um intellektuelle und soziale Plausibilität christlicher Identität zwei wichtige Funktionen der Kirche resultieren: die christliche Theologie und die christliche Homiletik.