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Experiment Moderne

Der sowjetische Weg.
Buch (kartoniert)
Die kommunistische Variante der Moderne
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Experiment Moderne als Buch

Produktdetails

Titel: Experiment Moderne
Autor/en: Stefan Plaggenborg

ISBN: 3593380285
EAN: 9783593380285
Der sowjetische Weg.
Campus Verlag

März 2006 - kartoniert - 401 Seiten

Beschreibung

Die Oktoberrevolution katapultierte das rückständige Russland in ein neues Zeitalter. Die Sowjetunion begann als historisches Experiment, das mit der alten Gesellschaft, ihrer Kultur und ihren Traditionen vollkommen brach. Stefan Plaggenborg analysiert die wechselvolle Geschichte zwischen dem revolutionären Aufbruch 1917 und dem krisenhaften Zusammenbruch 1991 aus dem Blickwinkel der Moderne. Zweifellos hat die Sowjetunion die Moderne auf eigene Weise geprägt. Der Verlust von Millionen Menschenleben, die Beschleunigung der Zeit, die allgegenwärtige Gewalt, die Herausbildung eines Maßnahmen- und Normen- ebenso wie eines Wohlfahrtsstaates sowie die Bestrebungen, ein Imperium zu errichten - diese Aspekte der sowjetischen Geschichte sind zugleich Aspekte der Geschichte der Moderne. Sie müssen in die historischen und theoretischen Auseinandersetzungen um die Moderne einbezogen werden, sonst bleibt das 20. Jahrhundert unverständlich - und die Modernetheorie auf einem Auge blind.

Inhaltsverzeichnis

Einleitung
I. Strukturauflösung und Traditionsverlust
1. Menschenverluste
2. Die Auflösung der Institutionen, Ordnungen und Werte
3. Fortsetzungen
II. Lenins konservative Moderne
1. Revolutionär im U-Boot
2. Theorieblockaden und Wirklichkeitsentfremdung
III. Zeit und Geschichte
1. Beschleunigte Zeit
2. Handlungszeit
3. Verstetigte Gegenwart
4. Geschichtslosigkeit
IV. Gewalttätige Moderne
1. Gründungsgewalt
2. Unerwünschte Pazifizierung
3. Ambivalenzen der Gewalt in der Moderne

V. Staat ohne Gesellschaft
1. Staatsbildung
2. Maßnahmen und Normen
3. Der sozialistische Wohlfahrtsstaat
VI. Der Preis des Imperiums
1. Raum, Krieg, Grenze
2. Gezähmte Weltmacht
3. Imperium als Wirtschaftsraum
VII. Umriss der integralistischen Moderne

Literatur

Portrait

Stefan Plaggenborg ist Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Marburg.

Leseprobe

Revolutionäre Gewalt, ausgehend von den Demonstranten Petrograds und den Soldaten, vornehmlich gegen die verhassten Polizisten und Offiziere, trat nicht erst nach dem Oktoberumsturz in Erscheinung. Bereits nach der Februar-revolution drückte sich der kommende Pogrom in ?astu-ki aus, vierzeiligen Spottversen, in denen der Zar, "der Vampir", "das Schwein" den Tod fand und Unternehmer ausgelöscht wurden. Die Revolutionslieder waren so aggressiv, dass ein französischer Beobachter ironisch schrieb: "Der Tenor forderte die Köpfe aller Adligen, der Sopran den Kopf des Zaren, und der Bass wollte keinen auslassen." Es blieb nicht beim Singen. Der erste Volkskommissar für Justiz in der Leninschen Koalitionsregierung, der Linke Sozialrevolutionär Isaak -tejnberg, meinte: "Die Akte politischer Selbstjustiz hatten - das muss gleich hier betont werden - schon im Anfang der russischen Revolution, im Februar/März 1917 Platz gegriffen." Orlando Figes stellt in seinem Buch über die Russische Revolution kategorisch fest: "Die gewaltsame Zurückweisung von allem, was mit der früheren Zivilisation zu tun hatte, war ein integraler Bestandteil der Februarrevolution." Es lässt sich keine exakte Tätergruppe ausmachen. Beispielsweise stürzten sich "von Blut und Mord erhitzte" Frauen auf einen von Matrosen gefangengenommenen Marineoffizier mit dem Ruf "Schlagt ihn tot! Einer weniger!" und brachten ihn um. Nach der Beschreibung vergnügter Frauen beim Anblick eines Haufens entstellter Leichname mit Offiziers-Schulterstücken folgerte der Historiker Vladimir Buldakov, erschreckend sei nicht so sehr die Gewalt als vielmehr das Vergnügen, das sie bei den Frauen hervorrief. Besonders Soldaten und Matrosen rebellierten und verübten Gewalttaten. Es kam zu "einer Art Sport", bei dem Polizisten von Dächern gestürzt wurden. Auf dem Lande verlief die Revolution vor dem Oktober für die Gutsbesitzer insofern verhältnismäßig glimpflich, weil die Bauern eher materielle Werte zerstörten als Menschen töteten. Di
e Gewaltakte gegen Personen nahmen aber auch hier im Verlauf des Jahres 1917 zu, wobei nicht nur Gutsbesitzer, sondern auch Einzelhöfer (chutorjan) die Opfer waren. Inwiefern die miserable ökonomische Lage bei der Entstehung von Gewalt eine Rolle spielte, lässt sich nicht genau sagen. Die Verbindung von Hunger und Krieg, deren Kehrseite die revolutionäre Forderung "Brot und Frieden" lautete, braucht nicht erneut betont zu werden. Ohne selbst genug zu essen zu haben, waren es die Demonstranten, Soldaten und Bauern leid, als Kanonenfutter zu dienen.
Der schon zitierte Justizkommissar -tejnberg, Autor eines der wichtigsten Bücher über die Gewalt in Sowjetrussland, spricht von Tausenden von Opfern, die nach der Februarrevolution in Russland zu beklagen waren. In Anbetracht von Mord und Gewalt forderte der Schriftsteller Maksim Gor'kij bereits im April 1917: "Es ist Zeit, in uns selbst das Gefühl des Ekels vor dem Mord zu entwickeln, das Gefühl des Abscheus gegen ihn." Ein anderer Zeitgenosse konstatierte während des Zusammenbruchs des Ancien Régimes zugleich den Wandel jeglicher Verhaltensnormen. Schon Monate vor dem Oktober war die Enthemmung im Verhalten offensichtlich. In dem Maße, wie die Kontroll- und Sanktionsinstanzen wegbrachen, die "Massen" in einem Akt revolutionärer Eroberung die Straßen, öffentlichen Gebäude und Paläste besetzten und die Symbole der verhassten Ordnung stürzten, vollzog sich der Wandel zu einer schrankenlosen Gewalt, die diesem revolutionären Geschehen inhärent war.
Im Verlauf der Revolution breitete sich die spontane, situative Gewalt der Pogrome flächendeckend aus. Dabei steckten Revolutionäre in einem eigenartigen Dilemma. Die Forderung, den Krieg zu beenden, "wir wollen nicht mehr töten! Genug Blut ist geflossen!", kontrastierte aufs Heftigste mit dem nur einen Augenblick später ausgerufenen "Macht sie nieder!" und anschließendem Mord. Ob -tejnberg recht hat, wenn er meint, der von ihm sogenannte Volkszorn sei "stürmisch, aber ni
cht anhaltend", muss dahingestellt bleiben. Obwohl theorie- und ideologielos, war er dennoch tödlich. Die Erscheinungen revolutionärer Gewalt lassen sich kaum auf ein Gewaltkonzept zurückführen, zumal Gewalt auch von den Weltkriegsfronten ins Innere Russlands einzudringen schien. Der zutreffende Begriff ist Pogrom. Darin kam der Hass auf die Bessergestellten der Gesellschaft, die alten Autoritäten und ihre Repräsentanten zum Ausdruck. Grenzenlosen Hass auf alles, was sozial höher gestellt war als die Masse, und auf die Symbole der vorrevolutionären Welt, und seien sie noch so bedeutungslos, stellte der "weiße" General Denikin inkognito während einer Bahnfahrt fest.



Pressestimmen

Eine Gesellschaft setzt auf Gewalt
"Plaggenborg ist ein wichtiges Buch gelungen, das die Sachkenntnis des Experten mit der Fähigkeit verknüpft, in großen Perspektiven zu denken: kritische Historie im besten Sinne." (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.09.2006)
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