Ein Roman, der mir bei allem Interesse für die Geschichte viel zu esoterisch rüberkam
Dieser Roman des italienischen Schriftstellers und Philosophen erschien im Original unter dem Titel "l Cimitero di Praga" im Jahr 2010. Erzählt wird die Lebensgeschichte des 1830 geborenen Simon Simonini, der Jurist wird, als Notar von Dokumentenfälschungen lebt und mit zahlreichen Geheimdiensten in Kontakt kommt. Er wird einer der Mitgestalter der italienischen und französischen Geschichte des 19. Jahrhunderts, bevor er 1898 verstirbt.Bemerkenswert finde ich, dass der Autor (oder der Verlag?) den Roman so kompliziert fand, dass am Ende des Buches eine Zusammenstellung eingefügt wurde, in der tabellarisch aufgeführt wird, welcher Tagebucheintrag von welcher Zeit handelt (ebd., S. 515-517) Und tatsächlich war ich stellenweise froh, nachschlagen zu können, in welchem Jahr ein Kapitel sich gerade abspielte. Es ist nicht leicht, den Überblick zu bewahren. Für mit der Geschichte dieser Länder zu der Zeit wenig vertraute Leser, empfiehlt es sich aus meiner Sicht, manchmal im Internet zu recherchieren, um der Geschichte besser folgen zu können. Wegen abweichender Namensschreibweisen ist das ab und zu nicht ganz einfach.Fest steht, dass es in dieser Zeit enorme Umwälzungen gab, was die Lektüre zumindest für Geschichtsinteressierte sehr interessant macht. Hin- und hergerissen war ich bei den immer wieder auftauchenden ausführlichen Kochrezepten. Auf der einen Seite konnte ich nichts damit anfangen, auf der anderen Seite fand ich es originell. Die Beziehung zwischen Simonini und dem Abbé Dalla Piccola, die nebeneinander wohnen, sich gegenseitig mit ihren Erinnerungen ergänzen und beide rätseln, ob sie ein und dieselbe oder zwei verschiedene Personen sind, war für meinen Geschmack deutlich zu esoterisch angelegt, auch wenn es am Ende aufgelöst wird. Das hat mir überhaupt nicht gefallen.Die Worte, die Simon Simonini für die Deutschen findet, muss man wohl mit Humor ertragen, zumal er an den Franzosen und den Italienern ja auch kein gutes Haar lässt. Und ganz unrecht hat er ja nicht, zumindest in der Oktoberfestzeit: "Der Deutsche lebt in einem Zustand permanenter Verdauungsbeschwerden wegen seines exzessiven Bierkonsums und jener Schweinswürste, mit denen er sich vollstopft." (Hanser Verlag gebunden, 2011, S. 14)Insgesamt haben die esoterischen Teile dieses Buches die Freude an der interessanten Geschichte und der Geschichtsstunde doch ein wenig zu arg getrübt. Zwei Sterne.