
Vierzig Jahre lang hat der Philosoph Robert Brandom an seiner lang erwarteten und bahnbrechenden Neuinterpretation von Hegels Phänomenologie des Geistes gearbeitet. Indem er analytische, kontinentale und historische Traditionen verbindet, zeigt er, welche Herausforderung Hegels philosophisches Denken selbst heute noch darstellt. Im Geiste des Vertrauens handelt von der massiven historischen Veränderung im Leben der Menschheit, welche die Moderne darstellt.
In der Antike wurden Urteile darüber, was sein sollte, als objektive Tatsachen angesehen, während die moderne Welt sie als durch subjektive Einstellungen bestimmt betrachtet. Hegel vertritt eine Sichtweise, die beides miteinander verbindet, Brandom bezeichnet sie als »objektiven Idealismus«: Es gibt eine objektive Realität, aber wir können ihr keinen Sinn abgewinnen, ohne zuerst zu verstehen, wie wir über sie denken. Wir werden erst dann zu Akteuren, wenn wir von anderen Akteuren als solche wahrgenommen werden. Das bedeutet, dass Verpflichtung, Verantwortung und Autorität durch soziale Praktiken der gegenseitigen Anerkennung erzeugt werden. Wenn unsere selbstbewussten anerkennenden Haltungen die radikale Form von Großmut und Vertrauen annehmen, so Brandom, dann können wir die Moderne überwinden und in ein neues Zeitalter des Geistes eintreten.
Inhaltsverzeichnis
Besprechung vom 15.09.2021
Visionär vernünftig und verständig
Robert B. Brandoms neues Mammutwerk ist mehr als eine große Hegel-Deutung
Die Bedeutungsfelder der Ausdrücke "Wörter" und "Begriffe" überschneiden sich, aber nicht zu hundert Prozent. Der Unterschied ist nicht absolut, sondern funktional, wie der zwischen Folgerung und gewöhnlichem Aussagesatz. Ohne Begriffe könnten wir schwer urteilen (über wahr oder falsch, gut oder schlecht). Woher aber nehmen wir sie?
In einem Aufsatz mit dem Titel "Philosophy and the Scientific Image of Man" aus dem Jahr 1960 verneint der Philosoph Wilfrid Sellars die Idee, "der Mensch" schaffe sich seine Begriffe eigenverantwortlich, anhand persönlicher Wahrnehmungen. Sellars nennt das die "Robinson-Crusoe-Auffassung" der Begriffsentstehung. In Wirklichkeit, so Sellars, bestimme die eingreifende gesellschaftliche Weltaneignung das Begriffsaufkommen. Dies will Sellars nicht beim Nachdenken entdeckt haben, sondern als Errungenschaft des neunzehnten Jahrhunderts in deren philosophischer Literatur. Er nennt deren Epoche pointiert "the time of Hegel". In Hegels "Phänomenologie des Geistes" von 1807 findet man in der Tat Hinweise darauf, dass für ihren Verfasser das Begriffliche eher eine sozialhistorische als eine natürliche Sache ist, was ihn freilich nicht zwingen musste, irgendeine wirklich vorhandene Gesellschaft für verständig und vernünftig zu halten.
Seinem Befund von der Gesellschaftlichkeit des Denkens in Urteilen haben sich daher auch Leute angeschlossen, die der sie umgebenden Sozietät Verstand und Vernunft absprachen, in ihr also etwa "falsches Bewusstsein" (Marx und Engels) oder ein "Verblendungszusammenhang" (Adorno und Horkheimer) am Werk sei. Ein besonders dialektischer Kopf namens Guy Debord erklärte schließlich gar die vorbegriffliche, sinnlich gegebene Welt, wie sie in entwickelten Gemeinwesen des zwanzigsten Jahrhunderts erlebt wurde, zum wahnhaften "Spektakel".
Wenn das Gesellschaftsleben unser lebensentscheidendes wie lebenserhaltendes Denken bestimmt und wenn diese Gesellschaft nichts taugt, erleiden wir die allumfassendste Vertrauenskrise, ein Sterben auf Raten. "Im Geiste des Vertrauens" muss das Gesundheitsprogramm heißen, das dem entgegenwirkt, wie ein Buch, an dem Robert B. Brandom, unter anderem Sellars-Schüler und Hegel-Deuter, jahrzehntelang gearbeitet hat. Es handelt zwar von Hegels "Phänomenologie", ist aber mehr als ein Werk der Auslegung. Nach dem tausendseitigen Monstrum "Explizite Vernunft" (englisch 1992, deutsch 2000) und dem schmaleren "Begründen und Begreifen" (englisch 2000, deutsch 2001) zeigt sich "Im Geiste des Vertrauens" vielmehr als eine weitere tragende Säule in Brandoms eigenem Systembau.
Brandom lehrt, indem er forscht, und umgekehrt. Darin ist er Hegel nah verwandt, so distinkt sich der im Feuer diverser Schulen der analytischen Denkweise ausgehärtete Gestus seiner Schriften ansonsten von der ekstatisch rationalen Schwirrtonlage der "Phänomenologie" unterscheidet. Die pragmatisch-logische Linse, geschliffen nach Vorgaben der Ahnen seit Frege, durch die Brandom nicht nur den eigenen Systemgedanken betrachtet, sondern immer wieder auch "Geschichten von mächtigen Toten" der Philosophiegeschichte ("Tales of the Mighty Dead" heißt seine anregende einschlägige Sammlung historisch-metaphysischer Essays), braucht keine ethischen oder politischen Anwendungs-Filter zur zusätzlichen Faszinationserzeugung beim Publikum. Allerdings gipfelt "Im Geiste des Vertrauens" in etwas, das man, auch wenn es Verstand und Vernunft anspricht, eine Vision nennen muss - im Bild eines Zeitalters nämlich, das über die Grenzen und Grundlagen des Vertrauens so weit aufgeklärt ist, dass endlich beide ohne Schaden an ihrer Kohärenz überprüft und modifiziert werden können (womit sie, in Worten Hegels, "ihrer selbst gewiss" würden).
Wenn man jene berühmte soziale Verständigungslehre, an der Jürgen Habermas ein halbes Leben lang gebaut hat, ein wenig boshaft eine "Sozialtheologie" nennen wollte, so dürfte man die letzten hundert Seiten von Brandoms "Im Geiste des Vertrauens" der (freilich transparent durchargumentierten) "Sozialmystik" zuschlagen. Denn wie eine Theologie eine Kirche braucht, Mystik aber nur eine intensive Erfahrung, so denkt Habermas von historischen Institutionen her, Brandom jedoch von emphatischen Verpflichtungen auf Wahrheiten aus.
Als freistehende visionäre Konstruktion wäre dieses Schlusskapitel freilich nicht zu errichten gewesen. Denn die beiden Werkzeuge, die Brandom darin der Selbstverbesserung des Sozialen empfiehlt, "Anerkennung" ("recognition") und "Erinnerung" ("recollection"), muss man in mehr als einem Kontext in Aktion sehen, um sie zu begreifen. Daher zeigt Brandom parallel einerseits, was sie in seinem System leisten, und andererseits, was sie für das Verständnis von Hegels "Phänomenologie" bringen. Das Verhältnis zu Hegel, das Brandom damit demonstriert, eignet sich als Modell seiner eigenen Theorie von Entstehungs- und Gebrauchsweisen des Begrifflichen im Sozialen: Zwei Philosophen reichen gleichsam, "die Gesellschaft" darzustellen.
Im Vollzug dieser Modellierung lehrt das Buch neu verstehen, was Hegel etwa mit "bestimmte Negation" und "Niedertracht" meint oder wie er "Verstand" von "Vernunft" abhebt, und genauso gut, was Brandoms "Inferentialismus" eigentlich ist - die Behauptung nämlich, nicht nur Begriffe, sondern alle Wörter erhielten ihre Bedeutungen von ihren Stellenwerten in Folgerungsketten. Eine der kühnsten Passagen erklärt die in der "Phänomenologie" vorwaltende Idee des Begrifflichen als Amalgam aus "deontisch normativen" (also gesetzesförmig verpflichtenden) und "alethisch modalen" (also im Notwendigen oder Möglichen des Denkens wahrheitsfähigen) Formattributen. Diese zwei, sagt Brandom, verklammern jeglichen begrifflichen Gehalt bei Hegel - und dann macht er exakt das an der "bestimmten Negation" spektakulär schlüssig deutlich.
Man könnte das schöne Buch in dem Empfinden zuklappen, dass Neulektüren der Klassik einerseits und aktuelle Systemwagnisse andererseits produktiver und freundlicher zueinanderstehen, als manchmal befürchtet wird. Aber man sollte nicht vergessen, dass die gesellschaftliche Vernunft und die vernünftige Gesellschaft zweierlei Dinge sind, wenn auch verschwistert, wie Wörter und Begriffe. DIETMAR DATH.
Robert B. Brandom: "Im Geiste des Vertrauens".
Eine Lektüre der »Phänomenologie des Geistes«.
Aus dem Englischen von S. Koth und A. Shoichet. Suhrkamp Verlag, Berlin 2021. 1196 S., geb.
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