Zwischen "Ostalagie" und leichtfertiger (fehlerhafter) Auseinandersetzung mit der Hypnotherapie ...
Wer gehofft hatte, in diesem Roman auch etwas Hintergrundwissen über Hypnose respektive Hypnotherapie (bzw. "Hypnosetherapie", wie sie hier genannt wird) zu erfahren, denn immerhin ist der Autor Psychiater, wird das Buch enttäuscht zur Seite legen. Und vermutlich nicht erst nach der letzten Seite. Denn was hier unter dieser "Überschrift" angeboten wird, dient leider nur dazu, dem ohnehin meist schwammigen Wissen über diese therapeutische Behandlungsform weitere Irrtümer hinzuzufügen, auch wenn der Autor solches eigentlich vermeiden möchte, wie durch den Protagonisten der Geschichte zumindest angedeutet wird: "'Hypnose [ist] eine ganz normale psychotherapeutische Behandlungsform, und durch die Rummelvorführungen glauben die Menschen bis heute, das sei Hokuspokus.'" Es gibt zwar einige zaghafte Versuche, die Hypnose als "Angeleitete Entspannung" zu beschreiben, bei der ein Zustand erreicht werden soll, "[...] in dem die Kognitionen etwas weniger stark sind, dadurch mehr Platz für andere Gedanken vorhanden ist, und [geschaut wird], was der Geist aus diesen Möglichkeiten macht." Auch wenn Traumreisen in hypnotherapeutischen Sitzungen durchaus zum Standardrepertoire gehören, so wie sie hier geschildert werden, gehören sie allerdings in das Reich der Märchen: "Alain [Delon] rannte auf sie zu und riss die förmlich vom Boden der Empfangshalle, sobald er sie sah, und wirbelte sie herum [...]. Küssend fuhren sie in seinem offenen Cabrio durch Paris, die Ulmen und Linden der avenues flogen an ihnen vorbei, weiße Wölkchen am strahlenden Himmel. Sie kamen gar nicht zum Sprechen in seinem apartement, denn Alain streife ihr noch beim Küssen das Kleid über den Kopf und küsste sie auf das Bett [sic!] vor den großen offenen Fenstern [...]." Und so weiter und so fort. Und somit nur knapp an einem Groschenroman vorbeischrammend.Dabei ist die Verbindung zwischen den einschränkenden Möglichkeiten in der ehemaligen DDR (der Roman spielt hauptsächlich im letzten Jahrzehnt dieser Epoche, mit kleineren Ausläufern in die 90er-Jahre) und den mauerüberschreitenden Reisen in den nichtsozialistischen Westen eine durchaus interessante Volte. Aber nicht mit diesen Auswüchsen und mit diesem "Personal", das oft als leicht grenzdebil daherkommt, was weder der Sache noch dem Roman guttut. Überspitzung ist sicher ein Stilmittel, doch in der hier angebotenen Intensität, und auch dem Thema schuldhaft bleibend, eher ein Leerläufer. Zumal einige Dinge rundweg falsch dargestellt werden. So ist die Aussage: "[...] denn der Geruchssinn ist direkt mit dem Gehirn verbunden, [...]" ein Nonsenssatz, denn alle Sinne sind über das Nervensystem mit dem Gehirn verbunden. Gemeint ist wohl, dass der Geruchssinn, anders als die übrigen Sinne, seine Informationen direkt - unter Umgehung des Thalamus (wo die Informationen nach den Erfordernissen der Aufmerksamkeit - notwendig oder Routine - sortiert werden) - an die entsprechenden Hirnareale sendet.Und weil es so schön schräg ist, hier die gesamte Textpassage: "Als er [der "Hypnotiseur"] raus war, schloss sie [die Hypnotisierte = Parisreisende] die Augen und versuchte noch einmal, in ihren schönen Sextraum mit Alain zurückzufallen. Aber leider war durch das Gespräch mit dem realen Michael [Hypnotiseur und Hofbesitzer] über die echten Themen des Hofs ihre Imagination doch sehr kontaminiert. Am schlimmsten war Michas Geruch gewesen, denn der Geruchssinn ist direkt mit dem Gehirn verbunden, das hatte sie kaum ausblenden können. Alain roch nach irgendwas von Guerlain und Micha nach altem Schweiß und Kernseife. Dagegen musste sie als Erstes etwas tun, wenn sie das hier [realen Sex] noch einmal machen wollte."Schlussendlich bleibt festzuhalten, dass hier eine passable Geschichte zu stark verhunzt wurde und somit weit hinter den Möglichkeiten zurückbleibt, um nicht nur eine gewisse "Ostalgie" mit realistisch verknüpften Hintergrundinformationen zu präsentieren, sondern zugleich Wissenswertes aus dem Gebiet der Hypnose bzw. Hypnotherapie einer größeren Leserschaft zu vermitteln. Irgendwie schade ... (30.3.2023)