Atmosphärisch, schräg und herzzerreißend
Julia Armfields Roman "Gestalten der Tiefe" erzählt von Miri und Leah, einem Ehepaar, dessen Beziehung durch ein Ereignis erschüttert wird, das sich jeder klaren Erklärung entzieht. Leah kehrt von einer Tiefsee-Expedition zurück, die eigentlich nur wenige Wochen dauern sollte, sich aber über Monate hinwegzieht. Als sie wieder auftaucht, ist sie körperlich zwar anwesend, wirkt jedoch zugleich seltsam entrückt und kaum noch greifbar.Der Roman setzt in dieser Gegenwart ein, in der Miri versucht, mit Leahs Rückkehr umzugehen, die nicht mehr ganz die ist, die sie einmal kannte. Zugleich entfaltet sich ihre Beziehung in Rückblenden: vom Kennenlernen über das gemeinsame Leben bis hin zu den Wochen und Monaten des Wartens, in denen ungewiss bleibt, was geschehen ist und ob ein Wiedersehen überhaupt möglich sein wird. Parallel dazu geben Leahs Kapitel Einblicke in das Geschehen unter der Meeresoberfläche, das sich nur bruchstückhaft erschließt. So entsteht kein linear erzählter Plot, sondern ein Geflecht aus Erinnerung, Verlust und langsamer Entfremdung. Im Zentrum steht dabei weniger die Frage, was genau mit Leah passiert ist, als vielmehr, was es bedeutet, einen geliebten Menschen Stück für Stück zu verlieren, obwohl er noch da ist - körperlich zumindest.Häufig wird "Gestalten der Tiefe" als Horrorroman eingeordnet. Und tatsächlich arbeitet der Text mit Motiven des Genres: mit dem Unbekannten, mit körperlicher Veränderung, mit einem Geschehen, das sich der Kontrolle entzieht. Doch der eigentliche Schrecken liegt nicht in dem, was unter der Meeresoberfläche geschehen ist, sondern in dem, was danach einsetzt. Er entfaltet sich leise im Alltag, im Zusammenleben, im langsamen Auseinanderdriften - in dem Versuch, an etwas festzuhalten, das zunehmend verloren geht. Für mich ist der Roman daher weniger Horror im klassischen Sinn als eine ungewöhnlich zarte und sehr präzise Erzählung über Verlust. Über die Zeit nach dem Einschnitt und das Weiterleben mit einem Menschen, der sich verändert hat.Was diesen Roman besonders macht, ist, wie konsequent sich seine Bilder durch den gesamten Text ziehen. Das Meer ist hier nicht nur Schauplatz, sondern durchzieht den Text als Denk- und Wahrnehmungsraum. Immer wieder ist von "versunkenen Gedanken" die Rede, von etwas, das sich dem Zugriff entzieht, absinkt und sich nicht mehr ganz an die Oberfläche holen lässt. Dieses Bild prägt auch die Erinnerungen, die nicht geordnet, sondern fragmentarisch erscheinen- wie etwas, das aus der Tiefe auftaucht und einem gleich wieder entgleitet.Auch sprachlich überzeugt der Roman. Armfields Sätze sind ruhig und präzise, oft von einer beinahe nüchternen Klarheit, die immer wieder schöne, atmosphärische Bilder hervorbringt. Zugleich hält sich darin konsequent etwas leicht Verschobenes, das sich nicht ganz einordnen lässt. Diese Verbindung aus Genauigkeit und Irritation durchzieht den gesamten Text. Die sorgfältig gestaltete Welt - von den Details der Tiefsee bis zu den Abläufen der Expedition - verankert das Unheimliche im Realen und verstärkt seine Wirkung. Die Spannung entsteht dabei weniger durch konkrete Ereignisse als durch ein stetiges Unbehagen: in dem Wissen, dass etwas nicht stimmt, in den Veränderungen, die sich nicht sofort erklären lassen und in den bewusst gesetzten Leerstellen. Gerade dieses Zusammenspiel aus Andeutung und Zurückhaltung erzeugt einen unterschwelligen Schrecken, der sich langsam verdichtet und lange anhält.Der Roman arbeitet zudem mit Spiegelungen: Das Eingeschlossensein im U-Boot findet ein Echo in der Enge der gemeinsamen Wohnung, die Miri und Leah zunehmend kaum noch verlassen. Beide Räume wirken auf unterschiedliche Weise abgeschlossen, durchzogen von einer Atmosphäre, in der Nähe und Fremdheit gleichzeitig spürbar sind. Auch thematisch entstehen solche Gegenüberstellungen - etwa zwischen Leahs Verlust, obwohl sie noch da ist, und dem Verlust von Miris Mutter. Zwei Erfahrungen, die sich berühren und doch nicht deckungsgleich sind.Für mich war "Gestalten der Tiefe" mein erstes Highlight dieses Jahr. Ein Roman, der mich auf eine leise, fast unheimliche Weise nicht mehr losgelassen hat. Außergewöhnlich, verstörend, schräg und gleichzeitig unglaublich zart erzählt und in vielem nicht ganz greifbar. Vieles bleibt bewusst offen - und gerade darin liegt seine Stärke. Es ist kein Buch, das Antworten gibt, sondern eines, das ein Gefühl beim Leser hinterlässt. Wie eine Bewegung zwischen Ebbe und Flut: Etwas, das nachhallt, sich entzieht, wieder auftaucht, nie ganz fassbar wird und vieles in der Tiefe lässt Für alle, die diese besondere, eigenartige Stimmung lieben: absolute Empfehlung. Vor allem, wenn ihr Bücher mögt wie "Ich, die ich Männer nicht kannte" von Jaqueline Harpman oder generell ein Faible für weird girl fiction habt.