
Besprechung vom 12.10.2024
Der Allmächtige gab ihnen nur ein kleines Schrottland
Und dann fiel ihm das Gehirn raus: Worauf zielt George Saunders mit seiner Parabel "Die kurze und schreckliche Regentschaft von Phil"?
Von Jan Wiele
Von Jan Wiele
Sperrig? Das wäre, so ehrlich muss man sein, als Charakterisierung für manche Texte von George Saunders noch untertrieben. Es ist, als wollte der Texaner, der in gewisser Hinsicht in der Tradition des "Southern Gothic" oder der "Southern Grotesque Literature" der amerikanischen Südstaaten steht (und in anderer Hinsicht auch gar nicht), manchmal geradezu Warnschilder vor seine Erzählungen stellen, auf denen steht: "So leicht kommst du hier nicht rein!" Und genau das macht ihren Reiz aus.
Dieses Jahr kann man sich gleich anhand zweier übersetzter Bücher davon einen Eindruck auf Deutsch verschaffen. Im Frühjahr erschien "Tag der Befreiung", ein Band mit Erzählungen ganz unterschiedlicher Länge und Wesensart. Die Titelerzählung etwa ist beinahe ein Roman, aber selbst nach dreimaligem Lesen gibt er noch Rätsel auf. Kein Wunder, ist doch seine Hauptfigur ein Android, der bei einer Reinszenierung der Schlacht am Little Big Horn mitwirkt und offenbar mehr Bewusstsein hat, als seine Schöpfer glauben.
Andererseits hält "Liberation Day" aber auch kurze, ganz zugängliche Texte bereit wie die Erzählung "Mein Haus", in der jemand kurz vorm Kauf seines Traumhauses steht und es dann aufgrund eines Moments des Zögerns doch nie beziehen kann.
Mehr oder weniger deutlich schreibt Saunders seinen Texten auch Reflexionen auf eine konkrete, nicht immer amerikanische Gegenwart ein, beziehungsweise: Er projiziert, wie Science-Fiction das gemeinhin tut, gewisse Trends daraus in die Zukunft. Eine Geschichte in Briefform etwa, in der ein Großvater an seinen Enkel schreibt, handelt von einem regierenden "Clown", der jeden Tag eine neue Grenze des Anstands überschreitet. Das Land, das er regiert, ist indes schon zu einem veritablen Polizeistaat mutiert.
In diesem Herbst nun erscheint noch ein Saunders-Buch erstmals auf Deutsch, das ebenfalls parabelhaft wirkt: "Die kurze und schreckliche Regentschaft von Phil" wurde im Original bereits 2005 veröffentlicht. Es fällt in puncto Sperrigkeit mit der Tür ins Haus: Denn es handelt von einem seltsamen Land aus zwei Teilen, die sich "Innen-Horner" und "Außen-Horner" nennen. Die Einwohner heißen folglich "Innen-Horneriten" und Außen-Horneriten". Das ist nicht das Einzige, was den Lesefluss hemmt oder den Atem stocken lässt. Denn die besagten Einwohner darf man sich kaum als normale Menschen vorstellen, sie tragen Rückgrat und Organe entblößt, "pieseln Maschinenöl", und wenn es schlecht läuft, dann wie folgt: "Der Bolzen, der sein Gehirn auf seiner riesigen Gleitablage in Position hielt, fiel manchmal raus, dann rutschte sein Gehirn schnell an der Ablage herunter und klatschte zu Boden."
Dennoch haben die Horneriten viel mit Menschen gemeinsam, die Außen-Horneriten vor allem mit solchen, die andere unterdrücken und kolonisieren. Die Innen-Horneriten, von denen es nur sechs gibt, haben indes ein Problem: Ihr Land ist so klein, dass sie gar nicht alle darin Platz finden. Immer müssen welche in einem Gebiet stehen, das schon zu Außen-Horner gehört. Das bringt dessen Bewohner auf eine Idee: "Besteuert sie!"
Mit weiteren Plänen zur gnadenlosen Ausbeutung der Innen-Horneriten gelangt ein Außen-Hornerit namens Phil an die Macht: "Ist es etwa unsere Schuld, dass diese kleinen Wichser nur so ein kleines Schrottland haben? Ich denke, nein." Schnell ist auch noch göttliche Rechtfertigung zur Hand: "Gott der Allmächtige hat ihnen dieses kleine Schrottland nicht ohne Grund gegeben, aber diese Gründe liegen bei Ihm." Bald schon gleicht das ausgebeutete Kleinland "einem offenen Grab". Aber auch für Phil wendet sich das Blatt bald wieder, und dann erfolgt, wie aus dem Nichts, ein göttlicher, friedensstiftender Eingriff.
Multiple Bezüge auf koloniales Sendungsbewusstsein in Geschichte und Gegenwart scheinen in der Erzählung auf. Bei der Offenheit und Rätselhaftigkeit hätte es ruhig bleiben können. In diesem Fall aber - und weil die Parabel zwanzig Jahre später auch noch ganz neu zu deuten ist -, fühlte sich ihr Schöpfer bemüßigt, ihr noch ein erklärendes Nachwort beizugeben. George Saunders beteuert: "Ich hatte kein Thema, keine explizite Absicht. Ich versuchte einfach nur, normale Sprache zu vermeiden und in jeden Satz einen Schuss Seltsamkeit zu injizieren." Das ist ihm gewiss gelungen - und dem Übersetzer Frank Heibert auch die Transferleistung, besonders wenn Phils "Typ C-Gehirn" Aussetzer hat und schließlich "zischend abgast".
Was den Schlüsselcharakter der Erzählung angeht, sagt Saunders: "Während ich an dem Buch arbeitete, bewegte es sich in eine irgendwie politische Richtung, und ich stellte fest, dass ich das zuließ und mein Denken für etwas öffnete, was ich damals als 'diverse Arten von Dysfunktionalität des 20. Jahrhunderts' sah: den Holocaust, den Nahostkonflikt, den Völkermord in Ruanda, unseren Krieg im Irak, verschiedene fremdenfeindliche Tendenzen im Kielwasser von 9/11." Immer jedoch, wenn das Ziel der Satire zu klar erkennbar zu werden drohte, so Saunders, habe er das Buch absichtlich in eine andere Richtung geschubst, "indem ich mit Gewalt eine andere Katastrophe des 20. Jahrhunderts einführte". Das ist aufschlussreich, und doch stellt sich die Frage, ob Saunders' Literatur nicht eigentlich dafür gemacht ist, genau solche Deutungen weg- und dem Leser zu überlassen. Das gilt auch für die Illustrationen, die dessen Phantasie unnötig einengen.
George Saunders: "Die kurze und schreckliche
Regentschaft von Phil".
Aus dem Englischen von Frank Heibert. Illustrationen von Benjamin Gibson. Luchterhand Literaturverlag, München 2024. 144 S., geb.
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