
Drei Tage stehen an, in denen sich Gail und Max, beide Ende fünfzig und seit Längerem getrennt, anlässlich der Hochzeit ihrer Tochter Debbie zusammenfinden. Max reist, nichts ahnend von der Allergie des Bräutigams, überraschenderweise mit einer Katze an, weshalb er statt bei seiner Tochter bei Gail wohnen muss. Obwohl diese Vorstellung für Gail zunächst kaum auszuhalten ist, willigt sie ihrer Tochter zuliebe zähneknirschend ein. Doch schnell zeigt sich: Die alte Verbindung ist immer noch da. Gemeinsam müssen sie sich mit der Frage nach der Treue des Bräutigams auseinandersetzen, und damit, ob Vertrauen auch nach Jahren wiederhergestellt werden kann. Sie blicken aus belustigter Distanz auf die etwas zu traditionellen Feierlichkeiten, erinnern sich an Vergangenes und stellen sich Fragen nach der Zukunft - was hält das Leben noch für sie bereit?
Besprechung vom 16.04.2025
Wie man die Ex-Frau langsam wieder an sich bindet
Es ziehen lassen wie auf einer Herdplatte: Anne Tyler erweist sich in ihrem Roman "Drei Tage im Juni" als große Porträtistin des amerikanischen Mittelstands
Anne Tyler ist Amerikanerin und eine Schriftstellerin, wie es sie in der deutschsprachigen Literatur leider selten gibt. Sie schreibt mit einer Leichtigkeit und Grandezza Unterhaltungsromane, in denen jedes Wort seinen richtigen Platz findet unter Verzicht auf jedwede Ausschmückung und tiefgründige Grummelei. Die Vierundachtzigjährige hat inzwischen 25 Romane vorgelegt, sechs davon wurden verfilmt, 1988 wurde sie mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet. Einer ihrer großen Bewunderer war John Updike, der über Tyler anmerkte, sie sei "wickedly good", also verblüffend, entwaffnend gut.
Geboren wurde Tyler in Minneapolis und wuchs dann in einer strengen Quäkergemeinde in den Bergen auf. Die religiöse Prägung hat nicht lange gehalten: "Obwohl ich mich bemüht habe, an Gott zu glauben, konnte ich mir einfach nicht vorstellen, dass es ihn gibt. Es ging nicht, also habe ich es mit sieben gelassen." Seit 1967 lebt Anne Tyler in Baltimore, und dort, am Rande dieser Stadt, spielen auch die meisten ihrer Romane, allerdings nie autofiktional, das würde sie langweilen.
Interviews und Lesungen sind nicht ihre Sache, denn "wenn ich ein längeres Interview gegeben habe, konnte ich lange Zeit nichts zu Papier bringen". Anne Tyler lebt ein zurückgezogenes Leben, vom Rummel des Literaturbetriebs hält sie sich fern, so wie sich auch ihre Romanfiguren unauffällig im Milieu des Mittelstandsamerikas in der Banalität ihres Alltags einrichten. So etwas könnte leicht Ödnis verbreiten. Nicht bei Anne Tyler.
Der Roman "Drei Tage im Juni" - angesiedelt natürlich in Baltimore - rankt sich um die Hochzeit von Debbie, deren Mutter Gail, die Ich-Erzählerin des Buchs, am Tag vor der Familienfeier in ihrer Schule als Lehrerin vor die Tür gesetzt wird: Sie könne nicht die Nachfolge der Schulleiterin einnehmen, denn sie besitze keine "Sozialkompetenz". Ein bitterer Auftakt für den ersten Hochzeitstag, den "Schönheitstag", an dem sich der weibliche Teil der Festgesellschaft über Schminkprobleme und Kleiderfragen untereinander berät und schon mal eine Generalprobe für die Aufstellung beim morgigen Hochzeitsakt geprobt wird. Aber das ist noch nicht alles. Am selben Tag taucht bei der einundsechzigjährigen Gail ihr Ex-Mann Max mit einer Katze auf, weil er wegen Katzenallergie seines künftigen Schwiegersohns nicht bei der gemeinsamen Tochter nächtigen darf. Nun sucht er Unterschlupf bei seiner Ehemaligen, von der er vor zwanzig Jahren geschieden wurde. Wie soll das gut gehen?
Der zweite Tag, "Tag X", soll der Höhepunkt sein: die Hochzeit. Aber alles verläuft unspektakulär. Es beginnt damit, dass dem Ex-Mann ein passabler Anzug gekauft werden muss, denn sein vorhandenes Outfit ist mehr als deplorabel. Zu allem Unglück erfährt die Braut durch Indiskretion, ihr Gatte in spe habe kurz zuvor eine Affäre gehabt. Mutter Gail ist empört, Vater Max beschwichtigt. Die Hochzeit findet statt. Die Eltern des Bräutigams wünschen sich Glanz und Glamour, die Brauteltern wollen den Festakt in bescheidenem Rahmen halten. Die Hochzeit bewegt sich in gutbürgerlichen Grenzen, alle sind zufrieden.
Am "Tag danach": großes Aufatmen. Gail gesteht: "Ich war nur froh, das alles hinter mir zu haben." Nun fehlt nur noch der Epilog. Wie geht Gail mit Max und seiner Katze um? Auch diese Episode findet ein gutes Ende. Gail freundet sich mit dem zunächst ungeliebten Tier an, sie und Max kommen sich auf einem Spaziergang näher, auch wenn zwischendurch eine Affäre, die zur Scheidung von Max geführt hat, aufblitzt, sodass Gail die Trennung des Ehepaares noch einmal Revue passieren lässt und sich über das einsame Leben danach ein wenig wehmütig zeigt.
Anne Tyler erzählt das in ruhigem Ton und mit feinem Witz. Das Innenleben der Menschen, nicht das große Weltgeschehen bewegt ihre Protagonisten. Sie ist eine genaue Beobachterin menschlicher Gefühle, die keine lauten Töne brauchen. Sie versteht es, hinreißend unaufgeregt ihr Personal durchs Leben spazieren zu lassen. Sie braucht nicht den großen Aplomb. Sie geht sparsam und vorsichtig mit ihren Einfällen um, wie sie in einem ihrer wenigen dann doch einmal gegebenen Interviews bekannt hat: "Ich verbrauche nie eine Idee sofort, sondern lasse sie erst mal ziehen wie auf einer Herdplatte."
So hält es übrigens auch Max - und ist damit ähnlich erfolgreich. Er verlässt Gails Haus und fährt ab, aber er kehrt zurück und ruft nicht per Handy an, sondern "er stand da - leibhaftig auf meiner Veranda. Was mir endlich den Mut gab, auf die Veranda herauszutreten und sein Gesicht zwischen beide Hände zu nehmen. Ich betrachtete seine niedlichen Stoppelwangen und die seidige Haut unter den braunen Augen und die von Sorgenfalten durchzogene Stirn und prägte mir alles gut ein, bevor ich ihn küsste."
Interessanterweise ist dieser jüngste Roman von Anne Tyler - das ist ein neuer Trend (F.A.Z. vom 23. Januar) - zuerst in deutscher Übersetzung erschienen und erst etliche Monate später in den USA. LERKE VON SAALFELD
Anne Tyler: "Drei Tage im Juni". Roman.
Aus dem Englischen von Michaela Grabinger. Kein & Aber Verlag, Zürich 2024. 208 S., geb.
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